Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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-^Ö> GROSSE BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG

von dem heutigen Stande der Illustration zu Dem allgemeinen Tiefstande der Ausstel-
geben, bietet er doch so viel Interessantes, lung entsprechend tritt auch das Kunstge-
dass man gern darin weilt. Die künstlerischen werbe auf. Einzelne Arbeiten sind nicht
Kosten der Vorführung werden bestritten von schlecht, aber was von Innenräumen gezeigt
Berliner Zeichnern, den besten Künstlern der wird, muss Bedenken erregen. Ein Muster-
„Fliegenden Blätter" und der „Jugend" und zimmer von Arthur Biberfeld in Blitzblau
von den Franzosen Leandre, Renouard, und Gelb mit plumpen dunklen Möbeln, einen
Willette und Leloir. schwebenden Globus und bronzenen Gas-

Die Vertretung der Plastik lässt, wie die der glocken, und das Arbeitszimmer eines In-
Malerei, alles zu wünschen übrig. Denkmäler genieurs von Albert Gessner, in dem man
und kein Ende von jener traurigen Art, die man in sich vor Büchern und schlechten Sitzgelegen-
Deutschland jetzt überall sieht, die niemanden heiten nicht umdrehen kann, während der
Freude macht, wohl aber die deutsche Plastik Arbeitsplatz zu klein ist und es an jedem
des neunzehnten Jahrhunderts bei der Nach- Möbel zum bequemen Ausruhen fehlt, sind
weit stark diskreditieren wird. Da das Bedürf- neben der prunkvollen und geschmacklosen
nis nach Denkmälern der Helden sich nun Ausstellung des Vereins „Ornament" be-
wohl seinem Ende nähert, scheinen sich jetzt zeichnend für die ganze Art. Auch das
die Denkmalskünstler einem neuen Genre: dem übrige macht wenig Freude. Die verschiedenen
der fürstlichen Frauen zuwenden zu wollen. Künstler befinden sich fast sämtlich in
Der Königin Luise, die hier zweimal über- dem irrtümlichen Glauben, dass das Künst-
lebensgross plastisch dargestellt ist, wird wohl lerische bei Zimmerausstellungen von der
bald die Kaiserin Augusta folgen. Zu schönen Masse der aufgewendeten Zierformen ab-
Erwartungen berechtigt der Anfang nicht. hinge. Der Eindruck des Künstlerischen

wird indessen nur erzeugt von
der sich in schönem Ausdruck
offenbarenden Gebrauchsfähigkeit
und durch weise Anwendung von
schmückenden Elementen. Für
die meisten der hier ausstellenden
Kunstgewerbler scheinen vornehm
und reich gleichwertige Begriffe.
So entstehen protzige Zimmer-
einrichtungen, die höchstens das
Wohlgefallen unkultivierter Par-
venüs erregen können.

Auch die Berliner Architekten
können sich schwer von einer
übermässigen Lust an schmücken-
den Aeusserlichkeiten frei machen.
Ihre innerhalb der Ausstellung ge-
legenen Säle sind recht auffällig
mit Lorbeerbäumchen, die auf
Pfeilern von Scherwänden stehen,
und goldenen Kränzen dekoriert,
enthalten aber eine Reihe höchst
interessanter Arbeiten, auch solche
von auswärtigen Baukünstlern. Die
ausserhalb der Ausstellung in der
sogenannten „Westhalle" unterge-
brachte, zweiundzwanzig Räume
einnehmende Ausstellung des Ber-
liner Stadtbaurats Ludwig Hoff-
mann gilt mit Recht als „Clou"
der diesjährigen Ausstellung. Sie
umfasst den grösseren Teil der
Aufgaben, welche die städtische
Christian landenberger nachmittagsstudie Hochbauverwaltung, deren Chef
Ausstellung der Berliner Secession Hoffmann eben ist, in den letzten

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