Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 12.1914

Seite: 189
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HANN UND GULPENHEH

ODER

ZU VIEL GESAGT IST NICHTS GESAGT

EINE MORGENLANDISCHE ERZAHLUNG

VON

C. M.WIELAND
MITio ORIGINALLITHOGRAPHIEN

VON

HANS MEID

Es war einmal zu Samarkand

Ein junger Schneider, Hann genannt:

Der hart' ein feines junges Weib

Sich zugelegt für seinen Leib;

Die liebt' er wie sein Augenpaar;

Denkt, weil sie schwarz von Augen war

Und schlanker als ein Lilienstengel,

Und hatte langes seidnes Haar,

Und glatte rosenrote Wängel,

Und überdies kaum zwanzig Jahr,

Sein Weibchen sei ein ganzer Engel.

„Das ist nun

was man heissen kann

Gedacht — als wie ein junger Schneider,"
Ruft mancher hier; denkt nicht daran,
Dass es Minuten giebt, wo, leider!
Ein Salomon mit aller seiner List
Nicht weiser als ein junger Schneider ist.

In einem solchen Augenblicke
Spricht Hann zu seinem Schatz: Du trautes

liebes Weib!
Was würd' aus mir, wenn ich erleben

müsste,

Dass dieser schöne warme Leib,

Von Todesfrost in eine Büste

Verwandelt, kalt und atemlos

In meinen Armen lag'! O beim Gedanken

bloss

Rinnt mirs wie Eis durch Adern und Ge-
beine!

Das schwör' ich dir — erleb' ich armer

Mann

Den Jammer einst — auf deinem Grabe-
steine

Lieg' ich neun Tage lang und weine,

Und weine — bis ich nicht mehr kann!

„Und ich, mein trauter, süsser Mann,"
Versetzt das junge Weib, „sollt' ich das Un-
glück haben
Und dich verlieren, bester Hann,
Lebendig liess' ich mich mit meinem Hann

begraben!"

Das ist ein Weib! — denkt Hann ent-
zückt,
Indem er an sein Herz sie drückt:
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