Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 2.1888-1889

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iiöer alle Äeöieöe^eK-Mcöölrelr.

22.Stück.

Lrscbetnt

Derausgeber:

zferdinaud Nveliartus.

Kesrellpreis:

vierteljährlich 2 t/» Mark. ^

Aiizeigen: Z gesp. Nonp.-Zeile HO ssf. —

Mas ist Dellmalerei?

jS war bald nach Lrühlingsanfang: so ein
!wetter, bei dem man nicht weiß, ob man
lden Regenschirm aufspannen soll oder nicht.
zDer ^immel war weißgrau, die den Lern-
blick sperrenden L)äuser waren weißgrau, die Straße,
das seuchte Master spielte in breiten Reslexmassen
dasselbe Weißgrau wieder, die ganze Natur triefte in
der feuchten Nebelathmosphäre. Dazwischen wandelten
die INenschen. Zhre Gesichter, selbst die der blühendsten
Mädchen erschienen in kalten, grauen Tönen, oft sast
schwarz aus dem nebeligen Zwielichte. An den Rleidern,
die trotz ihrer ost lebhaften Färbung tonlos waren,
erkannte man kaum eine Falte. Die Umrisse selbst
waren schwankend, jeder Linzelne erschien wie eine
schwarze Nlasse, nur gehoben durch einige grelle,
weißliche Lichter, welche dort aufblitzten, wo die
Nundung der nassen Aleider, der Rörper den wider-
schein des Lsimmels auffing.

Zch wandelte durch die belebten Straßen der
Stadt, ziellos, mit meinen Gedanken beschäftigt, wie
ich es gern thue, weil mir scheint, nirgends sei man
so allein, als im Gewühl gleichgiltiger Menschen. Das
wetter hinderte mich nicht, obgleich es von jener
Art war, über die jeder dem vorübergehenden Be-
kannten ein paar Flüche zurusen zu müssen glaubt.
„Miserables wetter!" — „Das heißt bei uns Früh-
ling!" — „So schlecht wie dies, war noch kein
Iahr!"

Ich dachte mir mein Teil. Nämlich den schönen
Ausspruchs Fritz Neuters oder seiner Landsleute: wat
den een sin Uhl is, is den annern fin Nachtigal!
U4ir gefiel der Tag in seiner grauen Stimmung. Zch
liebe solches Nebelgeriesel, in welchem die welt nicht
so nüchtern klar aussieht, die Dinge minder wirklich
find. Ls lassen sich allerhand Gedanken anspinnen
an diesen Halbschleier der Natur. Zch sehe aber

auch koloristisch lehrreiche Dinge: die Gewalt des
Lichtes über die Farbe, den Neichtum der Nesiexe, die
schimmerndeu Silbertöne, die Ligentümlichkeit der Be-
leuchtung bei ungezähltem wechsel der ^ichter. Zch
sehe dann in der Natur nach meiner Art Bilder und
ärgere mich höchstens darüber, daß Lessing seinen
Ulaler sagen läßt, Naffael wäre auch ohne Arme das
größte malerische Genie gewesen. Denn ich sehe die
Schönheit, ich fühle fie in Aug und Uops und habe
die Arme nicht um Maler sein zu können. Aber
mit der Zeit beruhigte ich mich über mein unerkanntes
armloses Ulalergenie und war schließlich höchst be-
sriedigt über meinen ^paziergang.

Und daß dies so kam — danke ich den Fsellmalern.
Zhnen schulde ich die Freude, daß ich die Schönheit
des Nebeltages kennen gelernt habe. 5ie haben
mein Leben unendlich bereichert, indem sie mich lehrten,
die Natur sei immer schön, unser Auge sei nur für
gewisse Stimmungen verschlossen, unser Sinn tot, um
die Schönheit zu erkennen; jene Schönheit, welche den
Dingen zu allen Zeiten eigen ist, so lange das Licht
sie streift. Nur die Nacht, d. h. das lichtlose Dunkel
ist unschön, unmalerisch, unkünstlerisch!

welcher Naturgenuß ist mir nicht schon durch fie
erschlossen worden! Ts ist ja ein sonderbarer Fehler
unseres Auges, unseres Geistes, daß wir das Schöne
nicht alsbald erkennen, daß es uns vielmehr ein be-
sonders reich begabter Uops erklären muß, ehe wir
es ergründen. wie lange ist die welt am Abendrot
vorübergegangen, ehe es „im ernsten Sinne zu glühen"
begann, wie viel Zahrhunderte hat es gebraucht, bis
uns die Schönheit der Alpen klar wurde! Nuu kommen
die Propheten des Lichts, die Fanatiker der Sonne!

Frühere Nlaler malten die Farbe, die bjellmaler
malen das Licht. wer von ihnen hat das Nichtige
gewählt?


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