Zeitschrift für christliche Kunst — 4.1891

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1891. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 1.

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Frühgothische Wandmalereien in Pfullingen (Württemberg)

Mit 9 Abbildungen.

n dem

eine schwache Stunde von
Reutlingen entfernten kleinen Städt-
chen Pfullingen finden sich noch
Reste eines ehemaligen Clarissinnen-
klosters zu St. Cäcilia, welches 1250 gegründet
wurde. Noch umschliefst die hohe und starke
Ringmauer fest auf allen Seiten den nicht eng
bemessenen Grund und Boden, über welchem
das Kloster sich erhob und auf welchen das
Leben der Klosterfrauen eingeschränkt war. Die
eigentlichen Klostergebäude sind vom Erdboden
verschwunden. Nur noch einige ökonomische
Nebengebäude späteren Datums haben sich er-
halten und — merkwürdig genug — als Zwischen-
stück eines späteren Nutzbaues ein Theil des
alten Sprechzimmers mit den beiden Sprach-
gittern, und man kann kaum mehr vermuthen,
in welcher Weise diese Hüter der Klausur einst
dem Klosterbau sich eingliederten.

Während aber der Hauptbau so gründlich
unterging, dafs höchstens noch im Boden nach
Spuren der Fundamente gesucht werden könnte,
hat von der Kirche wenigstens ein ansehnlicher
Theil sich erhalten. Ungefähr in der Mitte des
umfriedeten Gebiets ragt, vom Alter geschwärzt,
von Wind und Regen benagt aber nicht über-
wältigt, ein ehrwürdiger viereckiger Bau auf, von
welchem man nicht mit Sicherheit sagen kann,
ob es Chor oder Schiff der einstigen Kirche ge-
wesen sei; das erstere ist aber wahrscheinlicher.
Er ist 12,76 m lang, 8,26 vi breit und 13,40 m
hoch, ohne Streben, in der Nord- und Südwand
mit hohen, schmalen Fenstern mit streng stili-
sirtem Mafswerk versehen. Die Westwand ist
fensterlos, nur durch ein kleines spitzbogiges
Pförtchen in der Mitte durchbrochen. Die Ost-
wand ist nicht mehr ursprünglich; der scharf-
kantige Abschlufs der beiden Sargwände beweist,
dafs der Bau hier einstens eine Fortsetzung hatte;
später, wahrscheinlich im Jahr 1579 (über der
Thüre), wurde aus unregelmäfsigem Gemäuer
und Riegelwerk eine abschliefsende Ostwand
eingezogen.1)

') Es ist noch aus den Akten zu entnehmen, wann
die Verstümmelung der Kirche vor sich ging. Herzog
Ulrich, der in seinem Reformationseifer es bekanntlich
sehr auf die Klöster abgesehen hatte, verfuhr mit be-
sonderer Strenge gegen die Clarissinnen von Pfullingen
und translocirte sie eines Tages einfach aus ihrem

In den profanirten Bau, der als eine Art
Lagerhaus für eine Fabrik dient, wurden mehrere
Stockwerke eingefügt. In künstlerischer oder
historischer Hinsicht macht dieser letzte über-
lebende Zeuge eines nicht unbedeutenden Klosters
weiter keine Aussage mehr, als die, dafs nach
Ausweis hervorstehender Kragsteine einst an der
Südseite sich der Klosterkreuzgang angeschlossen
habe. Aber die Innenwände haben noch einen
sehr beachtenswerthen Rest alter Kunst bewahrt.
Noch durch den Staub der. Jahrhunderte hin-
durch schimmern uns hier Wandmalereien aus
der zweiten Hälfte des XIV. Jahrh. entgegen,
welche nie übertüncht waren und in ihrer fast
vollständigen Erhaltung uns ein klares Bild einer
frühgoth. bemalten Kirche geben. Sie ist einfach,
diese Bemalung, und unter Verzicht auf alle figür-
liche Darstellung rein ornamental gehalten, aber
trotzdem überaus wirkungsvoll und instruktiv.

Die Wände, nicht Quader- sondern Bröckel-
gemäuer aus gewöhnlichstem Kalkstein, waren
eines Bewurfes und einer Bemalung bedürftig.
Sie wurden gleichmäfsig von unten bis oben,
auf der Fläche und in den Fensterlaibungen
mit einem ziemlich dunklen grauen Ton belegt.
Ueber diesen hin ist mit ganz weifsen Linien
eine Quadratur gezogen. Man erblickt zunächst
in der Höhe von ca. 4 m die einfachen, mit
einem Kreis umschriebenen Konsekrationskreuze.
Die Wandflächen sind eingefriedigt durch kräftige
weifse Horizontalstreifen, von welchen hellrothe,
sehr einfach aber zierlich und sorgfältig gebildete
frühgothische Knollenkrabben auslaufen; in ganz
schlichter Weise, mit einfacher Umkehrung der
Krabbe, sind diese Zierstäbe auf der Quadratur
aufgesetzt, die ca. I m über dem Boden beginnt.
Mit denselben Krabbenstäben sind auch die

Kloster in ein verlassenes Franziskanerkloster nach
Leonberg. Alsbald nach ihrem Abzug brach er die
Kirche, d. h. wohl das Langhaus ab und liefs auf dem
Platze desselben und auf der Stelle des alten Gottes-
ackers Thurm und Wassergraben anlegen, auch für
sich eine Wohnung einrichten. Sobald das Interim
kam, verlangten die verbannten Klosterfrauen die Er-
laubnifs zur Rückkehr, die Herzog Christoph ihnen
endlich 1551 geben mufste. Nach ihrer Rückkehr
forderten sie auch den Wiederaufbau ihrer Kirche,
aber vergebeus. 1595 war das Kloster ausgestorben,
1793 wurden dia meisten Klostergebäude abgetragen
(s. Rothenhäusler » Statthaftigkeit der altwttrtlemb.
Klosterfrauen« Stuttgart 1884, S. 17 ff.).
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