Zeitschrift für christliche Kunst — 4.1891

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1891. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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Zeit der Anfertigung des Siegels noch die an-
gegebene Gestalt des Schiffes besessen, und diese
ältere Form habe der jetzigen Platz gemacht.
Doch wie dem auch sei, wenn das Siegel
zur Rekonstruktion und Restauration der schö-
nen Stadtkirche keine sicheren Anhaltspunkte
böte, selbst wenn es ein ziemlich willkürliches
umgearbeitetes Idealbild der Severuskirche wäre,
für unsern Zweck bleibt es sowieso werthvoll.
Fast auf allen rheinischen Siegeln, welche Ge-
bäude des XII. und XIII. Jahrh. bringen, findet
man nämlich, wie hier, die untern Bautheile
durch Fugenschnitte belebt, die obern dagegen
glatt. Dies erklärt sich aber doch nur dadurch,
dafs die Siegelstecher oft Kirchen sahen, deren

untere Hälfte die Form grofser Steine zeigte,
während die obere leichter behandelt erschien.
Grofse Quader finden sich nur selten am Rhein
im Unterbau jener Kirchen. Manche dieser Bau-
ten müssen demnach verputzt und dann durch
bemalte Fugen geziert worden sein. Das darf
umsomehr angenommen werden, weil Meckel
ja solchen Verputz und solche Figurenmalerei
an alten rheinischen Bauten hier und da fand.
Möchten diese Andeutungen zur Förderung der
durch Herrn von Fisenne angeregten und durch
Meckel wesentlich geförderten Frage dienen!
Für Restaurationen, mehr noch für Neubauten,
wäre ihre Lösung von grofsem praktischen Werth.
Steph. Beifsel S. J.

Den Ursprung der Gothik und deren Verhältnifs zum romanischen Stil betr.

eber die Frage, ob die Gothik fran-
zösischen oder germanischen Ur-
sprungs sei, habe ich mich mehr-
mals öffentlich ausgesprochen, und
zwar im Sinne der letzteren Alternative.

Von Solchen, welche meine Ansicht unter
Nennung meines Namens bekämpfen, glaube
ich mit allem Fug verlangen zu können, dafs
sie dieselbe nicht blofs vom Hörensagen kennen.
In diesem Falle aber befindet sich, allem An-
schein nach, ein Herr P. Guerber aus Mols-
heim im Elsafs, Mitarbeiter an der von. den
Trierer Priesterseminar-Professoren Dr. P. Einig
und Dr. A. Müller herausgegebenen Zeitschrift
»Pastor bonus«. In einem darin (III. Heft 8
S. 388 ff.) unter der Ueberschrift: „Die christ-
liche Baukunst am Rhein" befindlichen Artikel
heifst es unter Anderem: „Darüber, dafs die
Wiege der Gothik im nordwestlichen Frank-
reich, und zwar vorzüglich in der, Paris be-
fassenden sogen. Isle de France, gestanden habe,
walte unter den Kunstkennern kein Zweifel
ob; nur August Reichensperger glaubt, um den
Franzosen die Ehre der Gothik streitig zu
machen, behaupten zu dürfen, die Gothik sei
deshalb deutsch (soll heifsen: germanisch), weil
sie durch die Franken, welche in Gallien sich
niederliefsen, aufgekommen war. —■ Diese An-
nahme ist wohl kaum mehr, als eine patrio-
tische Träumerei."

In Bezug auf das XII. Jahrh., meint Herr
Guerber, sei es unmöglich, zu sagen, welcher

Volksstamm in irgend einem Landestheile
Frankreichs vorgeherrscht habe. Gewifs würde
Herr Guerber so nicht gesprochen haben, wenn
er aus dem in meiner Schrift: »Zur Profan-
Architektur« auf S. 19 ff. über die Frage Aus-
geführten Kenntnifs davon gehabt hätte, dafs
sein Vorwurf der „Träumerei" in erster Linie
nicht meine Person, sondern seinen Elsässer
Landsmann Dr. Sohm, Professor an der Strafs-
burger Universität, trifft. In einer dort von mir
angerufenen Abhandlung Sohm's über den Ein-
flufs der Westfranken auf die Rechtsbildung in
Deutschland, äufsert derselbe wörtlich was folgt:
„Nehmen wir die gothischen Dome und
die gesammte vom gothischen Stil be-
herrschte Kunstrichtung hinzu, welche
seit dem XII. Jahrh. auf Deutschlands Boden
heranwuchs, so haben wir die ganze Reihe der
grofsartigen Trophäen vor uns, welche der Ein-
fiufs jenes fränkischen Lebens und Geistes
in Deutschland zum Ausdruck brachte."

Sobald Herr Guerber mit seinem gelehrten
Landsmann sich abgefunden haben wird, stehe
ich ihm meinerseits gern weiter zu Diensten. —
Einstweilen bleibe ich dabei, dafs die Gothik
zu den „Gesia Dei per Francos" gehört.

In Bezug auf eine andere Frage noch, das
Verhältnifs des romanischen Baustils zum go-
thischen, hat Herr Guerber es sich ebenwohl
gar zu leicht gemacht. Beide Stile „auf dieselbe
Linie der Betrachtung stellend", meint er, sei
der romanische weniger kostspielig, als „sein
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