Zeitschrift für christliche Kunst — 4.1891

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1891.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 12.

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her in der Stadt geblüht haben, dann müssen
auch manche von den gothischen Kleinodien
des Münsters in der Stadt entstanden sein.

Beschauzeichen und Meistermarken habe ich
bis jetzt, aufser dem eingangs erwähnten Falle,
noch nicht gefunden. Bock redet in seinen ver-
schiedene ri Werken über den Schatz nicht von
solchen. Der Goldschmied Vasters, welcher viele
Stücke restaurierte, theilte mir mit, auch ihm
seien keine vorgekommen. Indessen sind manche
der gröfsern Reliquiare so schwer aufzuheben
und nach allen Seiten hin zu untersuchen, dafs
doch vielleicht noch etwas zu finden sein könnte.
Jedenfalls haben verschiedene Stücke gleiche
geprägte Leistchen, welche auf eine Werkstatt
oder auf einen Entstehungsort hinweisen.

Ich mufs mit dem Bekenntnifs schliefsen,
dafs ich in diesem Aufsatz in den meisten
Fällen über Wahrscheinlichkeiten und Ver-
muthungen nicht herausgekommen bin. Ich
habe aber die Quellen reden lassen und mit
Absicht die Nachrichten streng auf ihren In-
halt geprüft, um einmal klar zu stellen, was
mit Sicherheit oder wenigstens mit mehr oder
weniger Wahrscheinlichkeit behauptet werden
kann. In so vielen Büchern und Abhand-
lungen werden zahlreiche Vermuthungen über
Aachener Meister als gesicherte Ergebnisse hin-
gestellt, dafs es nützlich schien, einmal alles
Bekannte über jene Künstler zusammenzustellen
und wissenschaftlicher Forschung die Wege zu
erleichtern. Steph. Beissei S. J.

Mittelalterliche polychromirte Holzstatuette mit Metall-, Email- und Kristall-
schmuck aus Kloster Oesede.

(Mit Abbildung.)
ei den berühmtesten Werken des be-

rühmtesten griechischen Bildhauers
Pheidias, den Standbildern der Pal-
las zu Athen und des Zeus zu
Olympia, bestand bekanntlich der Kern aus
Holz; die sichtbare Oberfläche der Körpertheile
war aus aufgelegten Elfenbeinplatten gebildet,
während Kleidung und sonstiger Schmuck aus
Goldblech mit prächtiger Emailarbeit und die
Augen aus Edelsteinen gebildet waren. Der
Holzkern hatte schon die Form, welche diese
Kolossalstatuen im Aeufseren zeigten, so dafs
alles Andere nur dieser Form sich anschmie-
gende Hülle war. Man wird, wie dies z. B.
von Waldstein hervorgehoben wird, aus dieser
Technik den Schlufs ziehen dürfen, „dafs die
frühesten Kultbilder einförmige, von Holz ge-
formte, puppenartige Bildwerke waren, die man,
wie dies auch in christlichen Werken der Fall
war,x) mit Kleidern behing. Wie nun das monu-
mentale Kunstgefühl unter den Griechen wuchs,
entwickelte sich aus diesen Idolen, indem der
Holzkern beibehalten wurde, das Kultbild mit

') und auch gegenwärtig bekanntlich noch vielfach
der Fall ist. Es scheint sich bei den hierbei fast aus-
schliefslich in Betracht kommenden Muttergottesbild-
werken indefs um eine erst seit dem XVII. Jahrh. neu
aufgekommene Sitte zu handeln. Wenigstens sind mir
ältere Beispiele dieser Ausschmückung von Kultbildern,
die in der Literatur meines Wissens auch eine Be-
sprechung noch nicht gefunden hat, nicht bekannt,

dem prächtigen monumentalen Goldgewand und
diese höchste Form des toreutischen Kunstwerks
wurde von Pheidias aufs höchste entwickelt."2)

Schon die Kostbarkeit der Materialien erklärt
es, dafs Werke dieser Art seltene Ausnahmen
geblieben sind und der Benutzung eines ein-
heitlichen Materials —■ Bronze, Stein, Holz — der
Vorzug gegeben wurde. Wollte man dabei einer
farbigen Wirkung nicht entbehren, so bot die
Bemalung einen naheliegenden Ersatz. Nur bei
den Augen griff man wohl, und zwar auch viel
später noch, zur Wahl eines anderen Materials, wie
Edelsteinen, Bergkristall, Glas oder wachsähn-
lichen, asphaltartigen, durchscheinenden Massen.3)
Und nicht nur in der antiken, sondern auch in
der christlichen Skulptur. Zum Beleg hierfür
braucht nur auf die Tympanonfiguren am Nord-
portal von St. Cäcilien und die sitzende Giebel-
Madonna an St. Maria im Kapitol zu Köln
hingewiesen zu werden, bei denen die Augen-
höhlen mit Glaspasten ausgefüllt sind, während
das Uebrige aus Stein besteht.

Indefs handelt es sich hierbei doch immer
nur um recht seltene Ausnahmen; im Allge-

2) Waldstein, Artikel »Pheidias« in Baumeister
»Denkmäler des klassischen Alterthums«-(Munchen und
Leipzig 1888) S. 1314.

s) Vgl. Swoboda »Zur Frage der Marmor-Poly-
chromirung«. Römische Quartalschrift I. (Rom 1887)
S. 100 ff.
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