Zeitschrift für christliche Kunst — 4.1891

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1891. _ ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 3.

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Ein roman. Kästchen in der Elfenbeinsammlung des Berliner Museums

Mit 2 Abbildungen und Lichtdruck (Tafel IV).

m Berliner Museum ist kürzlich ein

Kästchen aus Knochen zur Auf-
stellung gekommen, welches der
Sammlung durch Seine Majestät
den Kaiser im Austausch gegen ein paar deko-
rative Bronzen der Sammlung überlassen wor-
den ist. Der Kasten (vergl. die Lichtdrucktafel
IV) hat eine sargartige Form und ist aus langen
schmalen Knochenstücken zusammengesetzt, die
mit Bronzestiften auf Holz aufgenagelt sind. Er
ist 0,180 m hoch, 0,268 m breit und 0,145 m
tief. Die Erhaltung ist tadellos; es fehlt nur
eine kleine Platte an der Vorderseite, die durch
ein Schlofs ersetzt wurde, als das Kästchen (vor
etwa 50 Jahren, wie es scheint) zu einem Näh-
kasten eingerichtet wurde. Selbst die Bronze-
nägel zur Befestigung der Platten sind noch
die alten. Der Kasten stammt aus dem Besitz
der Königin Elisabeth; wo derselbe früher sich
befand, liefs sich bisher nicht ermitteln.

Der Deckel, der sich nach oben verjüngt,
hat auf seiner Fläche die Darstellung der Kreu-
zigung in flachem Relief: Christus auf breitem
Kreuze aufgenagelt; links Longinus, mit der
Lanze den Heiland in die Seite stofsend, rechts
Stephaton; zuäufserst links Maria und rechts
Johannes, klagend. Die Komposition wird ab-
geschlossen durch zwei stilisirte Bäume, die aus
übereinander gestellten Palmetten bestehen. Der
Zwischenraum zwischen den Figuren wird durch
Inschriften ausgefüllt. Neben den betreffenden
Figuren stehen die Namen: SCA MARIA,
LONGINVS, SEAPHTHON (sie), IOHANN;
dann die Worte des Herrn: MATER | ECCE |
FILIVS | TVVS und' DISSIPVLVS | ECCE |
MATER | TVA; sowie über dem Kreuze: HIC
EST IHS NAZARENVS REX IVDEORV. Die
schräg abfallende Einrahmung dieser Kompo-
sition ist mit stilisirten Weinranken dekorirt,
welche durch ein schmales gewundenes Band
eingefafst sind.

An der Vorderseite des Kastens befindet
sich, nicht genau in der Mitte, ein von stili-
sirtem Blattwerk eingerahmtes kleines Feld, das
jetzt (wie oben bereits erwähnt worden) leer
ist und wohl ursprünglich eine gleichfalls in
Knochen geschnitzte figürliche Komposition
enthielt. Rechts und links davon je ein Krieger,
aufeinander losstürmend; beide in antiker Tracht,

derjenige links mit phrygischer Mütze, grofsem
runden Schild und langer Lanze, sein Gegner
baarhaupt mit erhobenem Schwert und den ge-
buckelten Schild vor sich haltend. Eingerahmt ist
diese ganze Vorderseite des Kastens durch ein
wellenartig sich bewegendes Ornament von inein-
ander gesteckten Füllhörnern mit Blättern darin.
Die Rückseite und die Schmalseiten (vergl.
Abb.) sind nur ornamental verziert: mit einem
schön stilisirten Rebengewinde, das von einer
schmalen Einrahmung in verschiedenartigem
Blattwerk umgeben ist. Die Ecken des Kastens
sind mit demselben strickartigen Ornament de-
korirt, wie der Deckel, und dieser setzt sich
gegen das Untertheil des Kastens mit einer
Wellenlinie ab.

Das Kästchen ist in verschiedenen Bezie-
hungen merkwürdig. Schon die Form ist durch
den abgeschrägten Deckel eine ungewöhnliche.
Unter den wenigen ähnlichen Kästchen steht
einer im Braunschweiger Museum, mit einer
sehr verwandten, aber reicheren Kreuzigungs-
szene an der Vorderseite, dem Berliner Stück
am nächsten. Sehr auffallend sind sodann die
noch ganz unter antiken Einflüssen gebildeten,
schön stilisirten und fein bewegten Ornamente
aus Weinlaub und anderem Blattwerk, mit denen
in geschicktester Weise und ohne die gewöhn-
liche Ueberhäufung der Raum ausgefüllt ist.
Ganz in den Charakter dieser antikisirenden Or-
namente passen die beiden Krieger an der Vor-
derseite, deren halb antike Tracht und Waffen
theils noch auf die Völkerwanderung, theils
schon auf fränkische Zeit deuten sollen. Mit
diesen Figuren wie mit der Dekoration scheint
dagegen die Hauptdarstellung, die Kreuzigung
auf dem Deckel, wenig übereinzustimmen. Nach
dem breiten Holz des Kreuzes und dem (an-
scheinend), unbärtigen Bild Christi kann die
Darstellung zwar nicht mehr aus späterer roma-
nischer Zeit sein; aber andererseits zeigt sie doch
auch nicht charakteristische Merkmale, welche
auf eine Entstehung in karolingischer Zeit oder
gar noch früher hindeuten könnten. Da auch
die Inschriften, in schönen antikisirenden Ka-
pitalen, nur einen oberflächlichen Anhalt bieten,
so könnte man danach die Entstehung ebenso-
gut um's Jahr 1000 oder selbst später, wie um
das Jahr 800 setzen.
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