Zeitschrift für christliche Kunst — 4.1891

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1891.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 6.

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oder von der Kniebank aufsteht, sich umwendet
oder verwundert ihr Haupt erhebt.

Viele neuere deutschen Meister (z. B. Over-
beck, Schrandolph, Steinle, Pfannschmidt, Ried-
müller) haben sich an jene Praeraphaeliten an-
geschlossen und den Engel schwebend, stehend
oder knieend vor der beim Gebet oder bei der
Betrachtung sitzenden Jungfrau gemalt. Zwei-
felsohne mufs man Künstlern Freiheit lassen.
Aber scheint nicht jenes Tournaier Spiel das
Richtige getroffen zu haben, indem es die de-

müthige Magd des Herrn vor dem Boten des
Allmächtigen aufstehen liefs, während dieser
redete? Sich sitzend anreden lassen, ist freilich
königlich; gerade bei der Verkündigung soll
hingegen Maria's Demuth hervortreten. Diese
Tugend mufs also selbst dann gezeigt werden,
wenn Maria auf das Reichste gekleidet als Kö-
nigin thront. Jene Meister werden freilich ein-
wenden, sie betonten jene Demuth hinlänglich
durch die Haltung und Gebärden der Be-
gnadigten. (Schlufs folgt.)

Bücherschau.

Von Dr. J. Schuster's Handbuch zur Bibl.
Geschichte, neu bearbeitet von Dr. J. B. Holz-
ammer, dessen 5. Auflage hier vor Kurzem (Heft IV,
Sp. 133) gemeldet wurde, liegt nunmehr auch der II.
das Neue Testament behandelnde Band vor.
Gerade nach der. archäologischen Seite hin hat dieses
wegen seiner Vortrefflichkeit längst allgemein über-
aus geschätzte Buch in der neuen Auflage noch mehr-
fache Erweiterung und Vervollkommnung erfahren, so-
wohl im Texte, wie in den 150 Nummern umfassen-
den, durchweg recht guten Illustrationen, welche zum
gröfsten Theil der Archäologie und Kunstgeschichte
zu Gute kommen, daher auch auf diesem Gebiete ein
Belehrungsmaterial bieten, wie es vollständiger und
zuverlässiger nicht leicht irgendwo zusammen gefunden
wird. Auch im Rahmen unserer Zeitschrift kann da-
her die Anschaffung dieses Buches nicht angelegent-
lich genug empfohlen werden. G.

Praktisches Handbuch der kirchlichen Bau-
kunst einschliefslich der Malerei und Plastik. Zum
Gebrauch des Klerus und der Bautechniker be-
arbeitet von Georg Heckner. Mit 188 Abbil-
dungen. 2. gänzlich umgearbeitete und vielfach er-
gänzte Auflage. Freiburg 1891, Herder's Verlag.
Das Buch soll nach der Vorrede sowohl die Be-
dürfnisse und Verordnungen der katholischen Kirche
beim Bau eines Gotteshauses als auch die hierbei noth-
wendigen Anforderungen der Kunst und Technik be-
handeln. Bezüglich der letztern bietet die Schrift that-
sächlich vieles Beachtenswerthe und Wichtige, nament-
lich in der Beschreibung derjenigen Arbeiten, welche
nicht zu den gewöhnlichen, handwerksmäfsigen zählen,
z. B. Glockengufs, Orgelbau, monumentale Malerei etc.
Die Angaben über Honorar der Künstler, Kostenberech-
nung, Verding, Materialien- und Arbeitspreise sind eben-
falls praktisch verwendbar. Die Zahl der angeführten
kirchlichen Verordnungen ist eine reichhaltige, und
die meisten sind im Urtext wiedergegeben.

Dagegen erweist sich der Abrifs der Geschichte der
Baustile lückenhaft und nicht frei von Irrthümern. So
wird der Dom zu Bamberg als einzige Ausnahme von
romanischen Kirchen mit zwei Chören bezeichnet, wo-

bei das Querschiff an der Westseite angebracht ist,
während beispielsweise der Dom zu Mainz und die
St. Michaelskirche zu Hildesheim eine gleiche Anord-
nung besitzen. Gewagt erscheint auch die Behauptung,
dafs Hallenkirchen „künstlerisch eine Ernüchterung und
Verflachung des reich abgestuften gothischen Stiles
zeigen" sollen. Sind doch unter ihnen Kunstwerke
allerersten Ranges, aus früher wie aus späterer Zeit!
Die dem Abrisse beigefügten bildlichen Darstellungen
sind mitunter sehr mangelhaft, so diejenigen der West-
fronten französischer und italienischer Kirchen, wie auch
die Innenansicht des Kölner Domes, als welche die in
zahlreichen älteren Kunsthandbüchern befindliche, in
jeder Weise fehlerhafte sogen. Strack'sche Innenper-
spektive auch hier leider wieder Aufnahme gefunden hat.

Höchst eigenartig sind des Verfassers Auslassungen
über die künstlerische Gestaltung der Kirchen im
Aeufsern und Innern. Die Abhandlungen über Altäre
und Altarrenovation, Wandmalereien, das Zeichnen
menschlicher Figuren etc. enthalten geradezu bedenk-
liche Vorschläge und Behauptungen. Die mittelalter-
liche und byzantinische Figurentechnik in Mosaik soll
meistens nur „knabenhafte Karrikaturen mit sehr primi-
tiver Zeichnung" aufweisen (S. 228), die Heiligenbilder,
sei es in Glasfensterh, sei es als plastische Kunstwerke
an den Wänden der Gotteshäuser sind nur als blofse
„Statisten" und„Lückenbüfser" anzusehen! Den Wand-
gemälden wird ein höherer didaktischer Werth für unsere
Zeit abgesprochen; sie werden aus kirchlichen Rück-
sichten verworfen und statt ihrer „ein farbiger Schmuck
der Wände mit feinen geometrischen Figuren nach mau-
rischer Art (!) mit Theilung der Flächen in lisenenartig
aufsteigende Bänder (Bordüren)" empfohlen (S. 298).
Seine Stellung zur kirchlichen Alterthumskunde hat der
Verfasser in folgendem Satze (S. 9) niedergelegt: „Die
Archäologie ist und bleibt nur eine geschichtliche Wissen-
schaft, und ist unfähig, über kirchliche Baupraxis unserer
Tage richtige Normen aufzustellen."

So empfehlenswerth Heckner's Werk für die letztere
und die Unterhaltung der Kirchengebäude ist, so wenig
erscheint es geeignet, Bauherren wie Baukünstlern be-
züglich der ästhetischen Seite der ihnen bei Errichtung
eines Gotteshauses gestellten hohen Aufgabe rathend
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