Zeitschrift für christliche Kunst — 4.1891

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Abhandlungen.

Glasgemälde der Sammlung Vincent
in Konstanz.

Mit Lichtdruck (Tafel VII).

on den im Privatbesitz be-
findlichen Kunstsammlun-
gen gilt die Regel, dafs sie
als solche nur höchst selten
die zweite Generation über-
dauern. Vorher pflegen sie
entweder dem Hammer zu
verfallen und so zahlreiche andere Sammlungen
bilden bezw. ergänzen zu helfen, oder unge-
theilt durch Schenkung resp. Verkauf in ein
öffentliches Museum überzugehen. Eine Aus-
nahme von dieser Regel macht die berühmte
Sammlung Vincent in Konstanz, welche von
dem Kaufmann Johann Nikolaus Vincent im
Jahre 1816 begonnen und bis zu seinem 1865
erfolgten Tode mit unermüdlichem Eifer und
beispiellosem Erfolge fortgesetzt wurde. Unge-
schmälert verblieb sie im Besitze seines Sohnes
Joseph, der im Jahre 1888 starb, und dem kost-
baren Erbe steht erst jetzt eine Zerstreuung in
alle Welt bevor, indem die Söhne sich zu dessen
Versteigerung haben entschliefsen müssen. Zu
dieser ladet die Firma J. M. Heberle (H. Lem-
pertz' Söhne) in Köln alle Kunstliebhaber nach
Konstanz ein, wo ein heifser Kampf entbrennen
wird um die seltenen Schätze, welche diese
Sammlung birgt. Ihren Glanzpunkt bilden 531
alte Glasgemälde, von denen 438 schweize-
rischen Ursprungs und zum grofsen Theil mit
dem Monogramm oder Namen des Verfertigers
bezeichnet sind. Einige gehören noch dem XIV.,
manche dem XV., die meisten und bedeutend-
sten dem XVI. Jahrh. an. Im Ganzen sind sie,
was bei Glasgemälden von besonderer Wichtig-
keit ist, gut erhalten; wo fremde Glasstücke ein-
gesetzt sind, beruht dieses auf alter Restaura-
tion, in keinem Falle auf neuer Herstellung,
und dafs alle Scheiben unberührt geblieben sind
von der mehr oder minder grofsen Geschicklich-
keit der modernen Glasmaler, ist nicht der ge-
ringste ihrer Vorzüge. Zwei gute Farbendrucke,
zwölf vortreffliche Lichtdruck-Tafeln geben ge-
treue Abbildungen von den besten Exemplaren.

Eine dieser Tafeln freuen wir uns, unseren
Lesern hier vorführen zu können. Sie umfafst
sechs Glasgemälde, von denen wohl nur Nr. 1
aufserhalb der Schweiz entstanden ist. ■—■ Diese,
51 cm hoch (unten etwas verkürzt), stellt eine
Heilige mit Blumen in der Rechten und Blu-
menkörbchen in der Linken, also die hl. Doro-
thea dar; Bewegung und Faltenwurf, noch recht
archaistisch, weisen auf den Beginn des XV.
Jahrh. hin. — Nr. 2, in der Höhe von 80 cm-,
(mehrfach geflickt), mit der Jahreszahl 1510,
zeigt die vortrefflich gezeichnete Gestalt des
hl. Mauritius in Panzerrüstung und Mantel mit
Schild und Fahne. Sie steht unter einem von
zwei reichverzierten Säulen getragenen Bogen
und ihren Hintergrund bildet eine reiche Land-
schaft. — Derselben Zeit gehören die aus einer
Serie stammenden Nr. 3 und 4 an, die von dem
Strahlenkranze, der Gloriole, umgebene Ma-
donna, sowie die Lokalheiligen Konrad und
Pelagius, herrlich gezeichnete Figuren, zu deren
Häupten in den Zwickeln über dem Rundbogen,
in Grau und Silbergelb gemalte musizirende
Engel schweben. Zu den. Füfsen der Stifts-
schild von Konstanz. — Auf Nr. 5 und 6, die
fast noch reicher in der Ausstattung und noch
vollendeter in Zeichnung und Technik sind, er-
scheinen die enthaupteten Patrone Zürichs: St.
Regula, von Christus gesegnet, sowie ihr Bruder
Felix und dessen Waffengenosse von der theba-
ischen Legion Exuperantius, deren gemeinsames
Martyrium in den Zwickeln dargestellt ist. Das
Spruchband: venite . benedicti . patris . mei .
precipile . regnum . 1517 zeigt die Ursprungs-
zeit, der Standesschild von Zürich den Bestim-
mungsort an.

Aufser den Glasgemälden enthält die Samm-
lung auch noch ein halbes Tausend anderer,
zum Theil sehr hervorragender Kunstgegen-
stände. Unter ihnen nehmen die keramischen
die erste Stelle ein, die fast sämmtlich aus
dem weiland bischöflichen Palaste in Meersburg
stammen sollen. Die Reihe der italienischen
Majoliken zeichnet sich durch Vortrefflichkeit
wie der Ausführung so der Erhaltung aus, das
orientalische Tafelgeschirr durch aufsergewöhn-
lichen Reichthum. Schnütgen.
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