Zeitschrift für christliche Kunst — 4.1891

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Abhandlungen.

Ueber einige verschollenen
Werke Hans Holbeins des Aelteren.

Mil Lichtdruck (Tafel XIV).

on den niederrhein. Stechern
des XV. Jahrh. ist Israhel
van Meckenem zwar nicht
einer der talentvollsten, wohl
aber einer der fruchtbarsten.
Aus seiner Goldschmieds-
werkstatt zu Bocholt, im Bis-
thum Münster, wie uns die Inschrift auf einem
seiner Ornamentblätter meldet,1) ging eine Hoch-
fluth von Stichen aller Art in die Welt hinaus,
meist religiösen, mitunter profanen Inhalts, mit
moralisirendem und satyrischem Beigeschmack,
oder Ornamentvorlagen für Goldschmiede und
andere Kleinkünstler. Diese Stiche, deren Zahl
man ohne zu hoch zu greifen auf tausend und
mehr beziffern kann, wenn auch heute nur noch
ein verhältnifsmäfsig kleiner Bruchtheil davon
erhalten ist, zeigen uns den Künstler als einen
in seinem Fach wohlgeübten Mann, der eine ge-
wandte Handhabung des Stichels und guten Blick
für die Bedürfnisse seines aus allen Ständen zusam-
mengewürfelten Publikums mit einer eigenthüm-
lichen Aneignungsgabe verband. Zum „Künst-
ler", im eigentlichen Sinne des Wortes, fehlte
ihm nichts als die Hauptsache: Phantasie und
Gestaltungskraft. Von den etwa 360 Blättern,
welche sein Werk umfafst, sind 61 Kopien nach
Stichen des Meisters E S, 49 nach Schongauer,
je 6 nach dem niederländischen Meister IV x£\
und dem Meister des Hausbuches, 2 nach dem
Meister P W von Köln, eines nach Wenzel
von Olmütz und 4 nach Dürer. Da er gelegent-
lich selbst einzelne Figuren und Ornamente aus
fremden Stichen entlehnte, so wird man ihm
nicht Unrecht thun, wenn man ihm jede Er-
findungsgabe abspricht und auch die scheinbar
selbständigen Kompositionen auf verschollene
Vorlagen besserer Künstler zurückführt. — Die

') „ To bocholt istgemact In dem bisdom. van Monster."
Das einzige bekannte Exemplar dieses Stiches, welchen
Bartsch (Append. 154) nur nach Heinecken beschreibt,
ohne ihn selbst gesehen zu haben, befindet sich in der
Sammlung E. v. Rothschild in Paris.

ganze Art seines Kunstbetriebes ist eine so —
um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen
—■ „fabrikmäfsige", dafs ihm die Kunst sicher
nichts anderes als die „milchende Kuh" gewesen
sein kann. Er arbeitete für die breitesten
Schichten der urtheilslosen Menge, die froh
war, Schongauers vielbegehrte, und in guten
Drucken gewifs nicht billige Marienbilder und
Heiligengestalten in wohlfeileren Kopien zu
erlangen. Dafs diese Kopien nur in Aeufser-
lichkeiten den Urbildern glichen, die holdselige
Süfse der Madonnenköpfe aber ebenso ver-
missen liefsen, wie die Tiefe der religTösen
Empfindung, das merkten die Käufer wohl
nicht. Sahen sie doch weniger auf den Kunst-
gehalt ihrer Heiligen, als vielmehr darauf, dafs
es auch wirklich die bekannten, dem Volke
vertrauten und lieben Gestalten waren. Und
wenn nur der geduldige hl. Antonius von recht
gräulichen und monströsen Teufeln durch die
Luft geführt und mit Stachelkeulen und Knütteln
geschlagen wurde, wenn St. Martin dem armen
Krüppel das Mantelstück darbot, S. Agnes durch
ihr Lamm oder Katharina durch Rad und
Schwert gekennzeichnet waren, — wer fragte
danach, ob unten die Schutzmarke Schongauers
oder Israhels Zeichen stehe? —•

Kein Wunder, dafs der Bocholter Gold
schmied nicht immer im Stande war, der leb-
haften Nachfrage nach den Erzeugnissen seiner
Bilderfabrik zu entsprechen. Die damals noch
nicht verstählbaren Kupferplatten lieferten nur
einige Hundert guter Drucke und nutzten sich
bald soweit ab, dafs wenig mehr als die mageren
Umrisse übrig blieb. Israhel sah sich also ge-
nöthigt, die Platten durch fortwährende Ueber-
arbettungen und Retouchen in druckfähigem Zu-
stande zu erhalten, und diesem Geschäft lag er
mit solchem Eifer ob, dafs wir noch heute von
der Mehrzahl seiner Stiche verschiedene Platten-
zustände besitzen. Bei der Seltenheit vieler
Blätter und der damit verbundenen Schwierig-
keit, auch nur zwei Exemplare an einem Ort
nebeneinander zu legen und zu vergleichen, hat
man diese Etats bisher noch nicht, wie bei den
Stechern undRadirem späterer Jahrhunderte fest-
stellen können. Ihre Existenz unterliegt indes
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