Zeitschrift für christliche Kunst — 4.1891

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Abhandlungen.

Miscellen zur mittelalterlichen Kunst-
archäologie.

(Fortsetzung von S. 99/100.)
Mit Lichtdruck (Tafel VIII und IX).

XIII.
■jlorenz. Opera del Duomo.
In dem neben dem Dome S.
Maria dei Fiori gelegenen Dom-
fabrikgebäude werden in der
Guardaroba, wo der berühmte
Silberaltar aus dem Battistero
steht, zwei musivische Tafeln aufbewahrt,
die Gori (»Mon. Basit. Bapt. Flor.« p. 23 IV4)
zuerst besprochen und, freilich auf die kümmer-
lichste Weise, abgebildet hat. Rumohr hat das
grofse Verdienst, die Bedeutung dieses Werkes
erkannt zu haben; freilich ist es ihm nicht ge-
lungen, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf
dasselbe hinzulenken, denn abgesehen von den
Notizen einzelner Reisehandbücher (z. B. Gsell-
Fels »Mittelitalien«, 4. Aufl. 1886, S.163), ist es
von Kunsthistorikern seither wieder fast völlig
unbeachtet geblieben.1) Rumohr's »Italienische
Forschungen« sind seit Jahrzehnten ein sehr sel-
tenes Buch geworden, so dafs es dem Leser
erwünscht sein dürfte, wenn ich zunächst seine
Angaben über die Tafeln hier abdrucke. Nach-
dem der berühmte Begründer unserer modernen
Kunstforschung seine im Allgemeinen ja sehr
abschätzige Ansicht über die byzantinische Kunst
vorgelegt, glaubt er sich der Bewunderung ein-
zelner älterer Schöpfungen derselben hingeben
zu können und fährt dann fort:

„Unbedenklich gebe ich unter diesen, da
jene Rolle der Vaticana, mit geistreichen Zeich-
nungen aus der Geschichte des Josua, schon
oben berührt worden, dem musivischen Kalen-
dario den Vorzug, welches gegen Ende des XIV.
Jahrh. von einer venetianischen Dame, der Wittwe
eines byzantinischen Kämmerlings, dem Schatze
der Johanniskirche zu Florenz gegen eine an-
sehnliche Leibrente überlassen worden. (Die Dame
hiefs Nicoletta de Grionibus; ihr Gemahl war
früher der Joh. Kantacuzenus Kämmerling ge-

*) Eine kurze Erwähnung findet sich bei Bayet
»L'Art byzantin«, p. 150.

wesen. Das Kunstwerk soll er aus der kaiser-
lichen Kapelle empfangen haben, wie man viel-
leicht nur in's Blaue hinein behauptet.) Es be-
steht aus zwei kleinen Tafeln von zierlichstem
Musiv, welches in ästhetischer wie kunsthisto-
rischer Beziehung für uns von höchster Wich-
tigkeit ist. In ästhetischer, weil es in solchen
Theilen, wo hochalterthümliche Vorbilder dem
Künstler zu Hülfe kommen, Vortheile der An-
ordnung und der Charakteristik zeigt, welche
in der neueren Malerei erst von Raphael wie-
derum genutzt und allerdings unendlich geför-
dert worden. Namentlich in der Wendung der
Augen, im Benutzen des weifsen Lokaltons in
den Winkeln seitwärts gerichteter Augensterne,
ist es dem Künstler gelungen, Betroffenheit,
Schauer und innere Bewegung, des Gemüths bei
viel äufserer Ruhe auszudrücken. In kunst-
historischer und typologischer Beziehung ist es
wichtig, theils weil das Kreuz und die Geburt
des Heilandes, Vorstellungen und Erfindungen
barbarischer Zeiten, den Ausdruck derselben
auch hier nicht verleugnen; theils weil in an-
deren hochalterfhümlichen Vorstellungen, etwa
in der Wiederbelebung des Lazarus, der allge-
meine Charakter bei weitem klassischer ist, als
irgend in italienischen Denkmalen des IV. und
V. Jahrh.; theils endlich, weil die Glorie in der
Transfigüration (ich weifs nicht, durch welches
Mittelglied) dieselbe ist, welche Raphael dem
Entwurf nach in sein berühmtes Altargemälde
aufgenommen."

„Gori hält dieses Werk in Ansehung seiner
freilich nicht so durchgehenden Aehnlichkeit mit
dem bekannten Menologio des Basilius Porphy-
rogennetos, für Arbeit des X. Jahrh. Wir werden
annehmen dürfen, es sei unter allen Umständen
nicht so gar viel jünger. Denn der Beschlag von
getriebenem vergoldetem Silber ist in einem
rohen, zum Orientalischen sich hinneigenden
Geschmack verziert und emaillirt; dieses indefs
hat auch im östlichen Reiche schwerlich den
vorgothischen und gothischen Baugeschmack
überdauert, welcher bekanntlich im XIII. und
folgenden Jahrh. auch in den Orient eingedrun-
gen. Aus dem Alter der Einfassung würden wir
auf ein verhältnifsmäfsiges Alter des Musivs zu-
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