Zeitschrift für christliche Kunst — 4.1891

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1891. _ ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 11.

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Nachrichten.

Entgegnung.1)

Von befreundeter Seite erhielt ich in diesen Tagen
aus Wien die am 15. November erschienene Nummer
Ihres »Literarischen Anzeigers«, welche eine Bespre-
chung meiner Schrift: »Zur Charakterisirung des Bau-
meisters Friedrich Freiherrn von Schmidt« aus der Feder
des Konservators J. Graus in Graz enthält. Da dieselbe
im Wesentlichen aus einer Reihe scharfer Angriffe auf
meine Person besteht, hätte es sich, meines Erachtens,
geschickt, das Blatt mir zugehen zu lassen, um mir eine
Abwehr zu ermöglichen. Nunmehr davon in Kenntnifs
gesetzt, erachte ich solche Abwehr Allen denen gegen-
über, welche meine Schrift gelesen haben oder noch
lesen werden, als durchaus unnöthig. Für Solche, die
meinem hiermit ergehenden Ersuchen, zum Zweck der
Gewinnung eines selbstständigen Urtheils 80 Pfg.
für die Schrift und einige Stunden zum Lesen derselben
aufzuwenden, zu entsprechen sich nicht veranlafst finden,
Nachfolgendes.

Alles, was Herr Graus meiner Person zur Last legt,
ist, den Vorwurf der Indiskretion allein ausgenommen,
wörtlich Briefen Schmidt's entnommen und als solches
durch Anführungszeichen von mir gekennzeichnet, mit
Einschlufs der so heftig inkriminirten Ausdrücke: „höherer

*) [Unser verehrter Mitarbeiter Herr Dr. A. Reichensperger
hat seinen Aufsatz: »Zur Charakterisirung des Baumeisters Friedr,
Freiherrn von Schmidt« (im 4. Heft dieses Jahrgangs) bekanntlich
in erweiterter Gestalt als Broschüre erscheinen lassen. Dieselbe
hat in dem Grazer »Literarischen Anzeiger« durch Herrn Kon-
servator J. Graus in Graz eine Besprechung erfahren, welche
Herrn Reichensperger zu einer Entgegnung nöthigte. Da die
Redaktion des »Literarischen Anzeigers« deren Aufnahme unter
dem Vorgeben verweigerte, dafs dieselbe nicht als „thatsächliche
Berichtigung" zu betrachten sei, so erfolgt hiermit, auf den
Wunsch des Herrn Reichensperger, deren Abdruck. D. H.]

Blödsinn" und „die Kerls", welcher Schmidt in einem
Anflug von grobkörnigem Humor, nicht in Bezug
auf Herrn Graus, sondern auf die verbissenen Re-
naissancer im Allgemeinen, sich bedient hat. Das Gleiche
gilt von den „Anwürfen gegen den österreichischen
Klerus", wie die Redaktion das gegen denselben von
Schmidt Geäufserte in einer Note bezeichnet. Diese
„Anwürfe" bestehen einfach in einem Bedauern dar-
über, dafs „ein grofser Theil" jenes Klerus in ästhe-
tischer oder stilistischer Beziehung sich nicht auf dem
rechten Wege befinde. Ueber die Frage, ob Schmidt
zu solchem Ausspruch, ob er insbesondere zu einer
Beurtheilung der Neuschöpfungen auf dem Gebiete der
kirchlichen Kunst berechtigt und kompetent war, ver-
liere ich kein Wort. Ueberhaupt würde ich mich am
Andenken des grofsen Meisters zu versündigen glauben,
wollte ich denselben betreffs alles im »Literarischen
Anzeiger« direkt oder indirekt ihm beigemessenen Un-
gebührlichen in Schutz nehmen. Wie weit Herr Graus
gegen ihn vorzugehen sich gestattet hat, ergibt dessen
Aeufserung, dafs, „wer meine Richtung kenne, leicht
herausfinden werde, was Herr von Schmidt mir schreiben
mufste, um mit mir gütlich auszukommen" ? Eine über
so viele Jahre sich erstreckende Verstellung, um nicht
zu sagen Heuchelei Schmidt's gegenüber meiner Person!

Zum Schlufs betreffs des Vorwurfs, dafs ich mich
durch die Veröffentlichung von Stellen aus Briefen
Schmidt's einer Indiskretion schuldig gemacht habe,
nur die Bemerkung, dafs sein Sohn mir dafür gedankt
hat. Meinerseits hielt ich es für eine Freundespflicht,
den irrigen Ansichten über die Geistesrichtung Schmidt's,
sozusagen aus dessen Mund, die Wahrheit entgegen-
zustellen. A. Reichensperger.

Köln am 14. Dezember 1891.

Bücherschau.

Die Fränkische Thorhalle und Klosterkirche
zu Lorsch an der Bergstrafse von K. Adamy.
Mit einem Farbendruck, 64 Abbildungen und 5 Tafeln
nach Zeichnungen von C. Bronner. Darmstadt 1891,
Selbstverlag des histor. Vereins für das Grofsherzog-
thum Hessen. (Kommission von A. Klingelhöffer.)
Das kleine Bauwerk von Lorsch, dem die vorstehende
Arbeit an erster Stelle gewidmet ist, theilt mit dem
Kernbau des Trierer Domes in zweifacher Hinsicht das-
selbe Geschick: weder über die Zeit der Entstehung
noch über seinen ursprünglichen Zweck ist eine Einigung
unter den Kunsthistorikern bislang erzielt worden.

Bei dem Lorscher Bau auf beide Fragen endgültige
Antwort zu geben, das ist die Aufgabe, die sich Adamy
gestellt hat, und zwar lautet seine Antwort dahin, dafs die
jetzige Kapelle ursprünglich das Eingangsthor zu dem
mit Hallen umgebenen Vorhof der Kirche gebildet
habe und in der Gründungszeit des Klosters, zwischen
766 und 774 entstanden sei. Mit voller Hingebung
und feinem Verständnifs hat sich der Verfasser in den
Charakter des Bauwerks vertieft und auch aus den

urkundlichen Nachrichten mit Eifer und Scharfsinn alles
herausgesucht, was sich für seine Ansicht in die Wag-
schale werfen läfst. Zahlreiche, ganz vortreffliche Zeich-
nungen von Bronner illustriren die Arbeit und bringen
uns den hochinteressanten Bau in glänzender Weise zur
Anschauung. Dem historischen Vereine für das Grofs-
herzogthum Hessen, der das Erscheinen des gediegenen
und prachtvollen Werkes ermöglicht hat, gebührt voller
Antheil an dem Danke, womit es von den Kunstken-
nern aufgenommen werden wird.

Freilich bei aller Hochachtung, die mir der Verfasser
mit dieser Arbeit wieder für seine Begabung und sein
eindringendes Kunstverständnifs abgewonnen hat, ver-
mag ich mich doch nicht durchweg seiner Ansicht an-
zuschliefsen. Es will mir scheinen, dafs er die Beweis-
kraft der einzelnen Momente bisweilen überschätzt und
ein endgültiges Urtheil fällen zu können glaubt, wo die
spärlichen und dann auch manchmal noch nicht un-
zweideutigen Zeugnisse für einen skeptischen Richter
dazu nicht ausreichen. Ich für meine Person bin we-
nigstens durch Adamy nicht von meiner Ansicht ab-
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