Zeitschrift für christliche Kunst — 4.1891

Page: 59
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zchk1891/0046
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
59

1891. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 2.

60

Zur Glockenkunde.

as die Baukunst leistete in den ver-
schiedenen christlichen Jahrhunder-
ten, was die Bildhauerkunst und die
Malerei schuf im Verlaufe des Mittel-
alters, die Produkte der Goldschmiedekunst, die
zarten Arbeiten der Stickerei und Weberei, die
tüchtigen Handwerksleistungen guter altchrist-
licher Zeiten ist durch Beschreibung und Zeich-
nungen hinlänglich an's Licht gezogen; was aber
die Glockengiefserkunst verstanden hat, darüber
schweigt bis jezt die Kunstgeschichte."1)

Mehr als 30 Jahre sind dahingegangen, seit
Zehe diese Worte schrieb; im Allgemeinen aber
dürfen dieselben noch heute eine nur wenig
eingeschränkte Gültigkeit für sich in Anspruch
nehmen. Allerdings ist in dieser langen Zeit
das Gebiet der Glockenkunde nicht unberührt
geblieben, auch sie hat ihren Antheil gehabt an
der wissenschaftlichen Forschung. Aber so ver-
dienstvoll und so bedeutsam diese Arbeiten auch
sind, so reichhaltig das Material ist, welches in
Einzelforschungen daliegt und der Ausnutzung
harrt,2) so wird doch noch Vieles geschehen
müssen, bevor es möglich sein wird, eine ab-
schliefsende Geschichte der Glockengiefserkunst
zu schreiben. Vornehm und stolz geht mit wenigen
Ausnahmen die Wissenschaft an den Erzeugnissen
dieser Gattung der Erzgiefserkunst vorüber; sie
macht Halt vor einem Zweige der mittelalterlichen
Kunstthätigkeit, der einer eingehenden Forschung
noch eine lohnende Ausbeute verspricht.

In weiten Kreisen fast unbekannt sind die rei-
chen Verzierungen, die ornamentalen wie figür-
lichen, womit die Giefser des Mittelalters und
der Renaissance ihre Glocken schmückten; Ver-
zierungen, die sich der Eigenart des Materials
anpassen und zugleich sich dem Zwange fügen
müssen, der durch den Zweck der Glocke, als
Toninstrument zu dienen, ausgeübt wird. In den
Handbüchern der Kunstgeschichte haben sie bis-
lang keine Stätte gefunden.3) Während man dem
Texte der Glocken-Inschriften eine weitergehende

') Zehe »HistorischeNachrichten über die Glocken-
giefserkunst des Mittelalters«, S. 3. (Münster 1858.)

2) Otte »Glockenkunde«, 2. Auflage 1884, giebt
einen ausführlichen Literatur-Nachweis, auf den hier
einfach hinzuweisen genügt, da für Jeden, der sich mit
dem Gegenstande näher beschäftigen will, der Besitz
dieses Buches unerläfslich ist.

3) Wie wenig in dieser Hinsicht bislang geschehen,
dafür liefert der Umstand einen Beleg, dafs der bei

Beachtung geschenkt hat, sind die Schriftcharak-
tere selbst ziemlich unbeachtet geblieben. Und
doch finden sich hier oft Perlen an Schönheit;
oft gehen sie in Zeiten zurück, aus denen jede
sicher datirte Inschrift von Werth ist. Die Zier-
rathen und Inschriften sind es auch, welche neben
Form und Gröfse die vornehmsten und oft die
einzigen Anhaltspunkte bieten zur Altersbestim-
mung der in der Frühzeit meist einer Jahresan-
gabe entbehrenden Glocken. Auf diesem Gebiete
bewegt sich eine Arbeit, welche Schönermark
jüngst in der »Zeitschrift für Bauwesen« ver- .
öffentlicht hat4) und die auch in einem Sonder-
abdrucke vorliegt.5) In Folge ihrer zahlreichen
Abbildungen bildet dieselbe eine treffliche Er-
gänzung des illustrationsarmen Qtte'schen Wer-
kes; sie gewährt aber auch für sich allein in
knappem Rahmen ein übersichtliches Bild über
den Entwicklungsgang der Glockengiefserkunst.

Da ich mit meinem Freunde Savels seit mehr
als einem Jahrzehnt das Material zu einer Glocken-
kunde in Nord- und Mittel-Deutschland zum
guten Theil bereits gesammelt, an den Abschlufs
der Arbeit aber nicht denken kann, folge ich
dem Wunsche des Leiters dieser Zeitschrift, ein-
zelne Theile dieser Sammlung hier mitzutheilen,
um so lieber, weil gerade auf diesem Gebiete
mannigfach eine Unkenntnifs herrscht, der leider
jahraus jahrein noch immer so manche form-
schöne und interessante Glocke zum Opfer fällt.
Diese Zeilen, bei denen ich mich im Allgemeinen
an Schönermark anschliefsen kann, mögen als
Einleitung zu den späteren Artikeln dienen.

Während der Gebrauch von Schellen und
Glöckchen in die älteste Zeit zurückgeht, findet
sich die erste Erwähnung des kirchlichen Ge-
brauches der Glocken erst bei Gregor von Tours
(VI. Jahrh.); dort signa genannt, tritt um 660 die
Bezeichnung campana auf, welche darauf zurück-
geführt wird, dafs man es in Campanien zuerst
verstanden habe, gröfsere Glocken zu giefsen. Im
VIII. Jahrh. erscheint auch der Name cloca. Die
Glocken der ältesten Zeit bestanden aus Blech:
ein unter dem Namen „Saufang" weithin bekann-
tes, dem VII. Jahrh. zugeschriebenes Exemplar

Otte die Verzierungen und Inschriften behandelnde
Absatz jeder Illustration entbehrt.

*) Jahrgang 1889.

&) Schönermark. »Die "Altersbestimmung der
Glocken«. Mit 3 Blatt Abbildungen. (Berlin 1889.)
loading ...