Zeitschrift für christliche Kunst — 4.1891

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1891.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr.

228

Bronzeschmuck aus der Völkerwanderungsperiode.

Mit 8 Abbildungen.

ngefähr drei Fünftel des Weges von
Wien nach Budapest bezeichnet die
Eisenbahn- und Dampfschiffsstation
Uj-Szöny (spr. Ssön). Uj bedeutet
Neu; O-Szöny oder Alt-Szöny liegt, wo einst
Brigetio zu Anfang des II. Jahrh. n. Chr. als
römische Kolonie gegründet wurde.

Bei den Nachgrabungen kommen dort aller-
hand merkwürdige Dinge zum Vorschein, z. B.
Idole und Geräthe aus Hirschhorn geschnitzt,
mit eigenthümlichen Büsten in hohem Relief,
die Gesichter durch sehr stark ausgebildeten
Unterkiefer charakterisiert, und stets in Nischen
gestellt. Diese Schnitzwerke werden von den
Einen als höchst verdächtig angesehen und be-
reiten Anderen viel Kopfbrechens, weil sie sich
vorderhand noch in keinem der vorhandenen
Fächer unterbringen lassen wollen. Glücklicher
sind wir mit den zahlreichen Schmuckstücken
aus Bronze daran: die gehören „unbestreitbar"
in die Gruppe Völkerwanderungskunst. Viel ist
damit allerdings auch noch nicht gewonnen; aber
wir werden uns wohl noch einige Zeit gedulden
müssen, bis eine nähere Bestimmung möglich
wird. Jetzt vermehrt die Fülle von Funden, die
von Südrufsland bis Skandinavien gemacht wer-
den, nur unsere Verlegenheit. Wenn nur die
Schaaren, die dem Anschein nach aus ihrer öst-
lichen Heimath Kunstfertigkeiten und Stilformen
mitbrachten, Tagebücher über ihre Wanderungen
geführt hätten, damit wir' wenigstens feststellen
könnten, welche Horden und wann und wo sie
auf römische Kultur stiefsen, und mit dieser die
eigene vermählten, was Erzeugnifs des Bodens,
auf dem es gefunden wird, und was weit her-
gebrachte Handelswaare ist!

Immerhin kann es von Nutzen sein, zu den
vielen Beispielen, die namentlich der franzö-
sische Archäologe J. de Baye aus Rufsland, Skan-
dinavien, Ungarn, Deutschland, Frankreich, Eng-
land in Zeitschriften und Einzelpublikationen
zusammengestellt hat, weitere Beiträge zu lie-
fern, die theils Uebereinstimmungen mit jenen,
theils Abweichungen aufweisen. In diesem Sinne
lege ich hier eine Auswahl von Fundstücken
aus O-Szöny vor, die das Oesterreichische Mu-
seum für Kunst und Industrie in Wien in neuerer
Zeit erworben hat. Manches Andere an Fibeln
u. dgl. unterscheidet sich nicht von dem all-

bekannten. Bemerkenswerth ist, dafs an den
Gewandschliefsen fast ausnahmslos die Nadel
fehlt, und Rostspuren verrathen, dafs sie aus
Eisen gewesen sind. Aus Bronze ist sie an einer
Fibel mit sogenanntem Falldorn, und ein Exem-
plar einer Fibel in Rohgufs scheint für das Vor-
handensein einer Werkstatt an Ort und Stelle
zu sprechen. Die künstlerisch behandelten
Schmucksachen haben zumeist „Email der Bar-
baren"; eine Ausnahme machen ein in der Mitte
ausgebrochenes Rund mit konzentrischen Krei-
sen aus Silberdraht und das reicher entwickelte
in Fig. h abgebildete Schmuckstück mit vier
blattförmigen Löchern und zierlichem Ranken-
ornament ebenfalls aus Silberdraht, der stellen-
weise zu Blättern ausgehämmert ist. Dies Stück
hängt in einem ziemlich rohen, nicht völlig
geschlossenen Bronzeringe. Das kreuzförmige
Schmuckstück (Fig. g) mit gebogenem Ansatz,
einem Eoch in der Mitte und gepunztem ein-
fachen Linienornament entspricht in der Haupt-
sache einem von de Baye (Note s. quelques
antiquitös decouv. en Suede in den »Mdmoires
de la Soc. nation. des Antiquaires de France«,
t. L. 1890) mitgetheilten Kreuz, dessen vierter
Arm jedoch wie die anderen gestaltet ist. Dieses
Kreuz soll für Bornholm charakteristisch sein.

Die eingeschmolzenen Emailblümchen sind
härter als die (in den meisten Fällen weifse)
Schmelzmasse, in die sie gebettet sind. So weit
es der Zustand der Verwitterung erkennen läfst,
herrschen für diese Figürchen Blau und Grün
vor. Dagegen ist das Roth, ob es als Recht-
eck (Fig. b und d), als Rosette oder als Mittel-
punkt einer solchen (beides in Spuren an Fig. a
zu erkennen) vorkommt, kalt aufgetragen, eben-
so der grünblaue Grund über den Bögen von
Fig. b. Aber auch zwischen Blau und Grün
besteht noch ein Unterschied, indem das letztere
öfter verschwommene Umrisse zeigt, also mit
dem Weifs in Flufs gerathen sein mufs.

Nicht bei allen getraue ich mich eine Ver-
muthung über ihre Bestimmung auszusprechen.

Fig. a werden wir wohl als Pferdeschmuck
ansehen müssen. Die fünf runden Löcher dürf-
ten dazu gedient haben, den Zierrath auf Leder
zu befestigen, während die übrigen Oeffnungen
das Leder durchscheinen liefsen. Bei den Ro-
setten ist die Farbenfolge von der Mitte an ge-
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