Zeitschrift für christliche Kunst — 4.1891

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1891. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 7.

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Symbolik brachte dann (z. B. im Kölner Dome)
das Einhorn mit der Verkündigungsszene in
Verbindung. Auf manchen Bildern finden sich
bei Maria Propheten mit entsprechenden
Spruchbändern, bei anderen Vorbilder aus
dem Alten Testament, oder die Vorfahren Ma-
ria's, oder Heilige des Neuen Bundes, oder Tu-
genden, oder Donatoren. Raum und Zweck
verbieten darauf näher einzugehen.

Da nach einzelnen Schriftstellern des Mittel-
alters die Verkündigung in der Nacht, ja um
die Mitternachtsstunde stattfand, sieht man
zuweilen neben Maria eine Kerze brennen. Viel-
leicht ist auch das auf vielen Bildern erschei-
nende Bett dadurch zu erklären. Die Künstler
dachten sich dann Maria während der Nacht im
stillen Kämmerlein betend. Tizian läfst Maria die
Hand erheben, um sich gleichsam vor dem von
Gabriel ausgehenden Licht zu schützen. — Selten
fehlt auf mittelalterlichen Bildern zwischen Maria
und dem Engel die Lilie, das Symbol jungfräu-
licher Reinheit. Italienische Meister (z. B. Memmi)
gaben dem Engel statt des Stabes oder Szepters
einen Oelzweig, ja eine Palme in die Hand.

Neues suchen unsere Künstler. Viele meinen,
religiöse Stoffe seien aufgebraucht! Freilich, neue



Entdeckungen, vollständig neue Auffassung kann
ein christlicher Maler dort nicht erwarten. Er
ist und bleibt gehalten innerhalb des Stromes
der Ueberlieferung. Selbst in ihm kann er sich
nicht beliebig weit zurückversetzen, darf er nicht
den Gang der Entwicklung und Klärung der
Dogmen oder der geschichtlichen Auffassung
der Offenbarungs-Thatsachen unberücksichtigt
lassen. Freiheit bleibt ihm aber doch noch.
Zeigte diese kurze Skizze nicht, in wie vielfach
wechselnder Art die einfachste Szene der heil.
Geschichte sich behandeln lasse. Der Sohn
Gottes selbst bezeugt, Gottes Wahrheit bleibe
in Ewigkeit, nicht als todter Buchstabe, sondern
wie ein lebendiger Quell, der alt und doch
immer neu und frisch emporsprudelt. Die Regeln
der christlichen Ikonographie sind keine starren,
unbeugsamen Gesetze, sondern nur Fingerzeige,
welche die Wege weisen; aber dem Maler nicht
verwehren, in vorsichtiger und ruhiger Weise
bessernd und fördernd der Entwickelung zu
dienen. Ja die Kunst ist im Kleinen und Gro-
fsen, im Einzelnen und Ganzen eine Blume.
Langsam entfaltet sie sich.. Vorsichtig behandelt
erblüht sie immer reicher in Form und Farben-
pracht. Steph. Beifsel S. J.



Gothisch oder Romanisch?

(Briefe an einen Freund.)

ie Frage wird für unsere kirchlichen
Neubauten in der letzten Zeit recht
brennend. Es mehren sich die Neu-
bauten im sogen, romanischen Stil,
und mit vielen Gründen weifs man die getrof-
fene Wahl zu rechtfertigen. Auch in dieser Zeit-
schrift ist die Frage mehrfach berührt und in
theilweise entgegengesetztem Sinne entschieden
worden: während der Eine den gothischen Stil
allein als berechtigt anerkennt, bricht der Andere
eine Lanze für die Gleichberechtigung des roma-
nischen. Folgende Ausführungen dürften für die
Beurtheilung dieser wichtigen Frage nicht ganz
werthlos sein. Sie beruhen auf vor längerer Zeit
geschriebenen Briefen, und sollen darum auch
hier in ungezwungener Form wiedergegeben
werden.

Erster Brief.
Lieber Freund! Sie theilen mir mit, dafs Sie
sich nunmehr entschlossen haben, Ihre neue

Pfarrkirche im romanischen Stil zu erbauen.
Sie geben mir zugleich die namentlich von Ihrem
Architekten angeführten Gründe an, wollen aber,
bevor die Skizze ausgearbeitet werde, meine
Meinung hören.

Meine Ansicht will ich Ihnen ganz offen
sagen: Ich bedauere Ihren Entschlufs und
hoffe, dafs Sie, da es noch Zeit ist, von dem-
selben wieder zurückkommen werden. Da Sie
aber so liebenswürdig waren, mir die Gründe
für Ihre Entscheidung anzugeben, so halte ich
es für meine Pflicht, Ihnen ausführlich auf die-
selben zu antworten. Greifen wir für heute
denjenigen heraus, welcher, wie mir scheinen
will, die Entscheidung herbeigeführt hat, näm-
lich: der romanische Stil sei viel billiger
als der gothische.

Wo es sich um einen monumentalen Bau
handelt — und das soll ein Kirchenbau auch
in den bescheidensten Verhältnissen noch sein ■—,
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