Zeitschrift für christliche Kunst — 4.1891

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1891. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 2.

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Stelle dazu beigetragen, den Erzeugnissen des
Mittelalters eine künstlerische Weihe zu ver-
leihen, sich heutzutage nur seltener findet.
Selbst wenn man dabei bleibt,' Schrift und Or-
namentband auf dem Wege der Wachsformen
herzustellen, wofür in einer Reihe von Glocken
ja auch mustergültige Beispiele vorliegen, so
wird es doch auch Fälle genug geben, in denen
man einer besonders hervorragenden Glocke
auch einen reicheren figürlichen Schmuck ver-
leihen kann, indem man auf das in der Blüthe-
zeit der gothischen Kunst geübte Verfahren
zurückgreift. Wie wahrhaft Schönes in der ein-
fachen Weise des Einritzens das Mittelalter ge-
schaffen, hoffe ich demnächst an einigen Bei-
spielen zeigen und damit zugleich darthun zu
können, wie wünschenswerth es ist, endlich auch
den Glocken den Schutz angedeihen zu lassen,
dessen sie bislang noch fast völlig entbehren.
Auch sie gehören zu den Kunstwerken, die nicht
ohne die dringendste Noth und ohne die sorg-

fältigste Prüfung vernichtet werden dürfen.13) —
Dieses auch den mit dem Gegenstande weniger
Vertrauten klar vor Augen geführt zu haben,
ist ein hohes Verdienst der auf gründlichen
Untersuchungen beruhenden und Dank ihrer
vielen ganz vorzüglichen Abbildungen allgemein
verständlichen Arbeit Schönermark's.

Freiburg (Schw.) W. Effmann.

I3) Das einzige Museum, welches auch die Glocken
in seinen Bereich gezogen hat, ist meines Wissens das
Museum des westfälischen Alterthumsvereins zu Münster.
Dank der Unterstützung der westfälischen Provinzial-
verwaltung ist es den Bemühungen des Museumsdirek-
tors, Herrn Landesrath Plafsmann, gelungen, dort eine
wohl einzig stehende Sammlung interessanter, zum Um-
gufs bestimmt gewesener Glocken anzulegen. Wird
dieselbe, wie zu erwarten ist, systematisch vervollstän-
digt und aufserdem durch Gypsabgttsse entsprechend
ergänzt, so wird dieselbe in absehbarer Zeit einen
Ueberblick über die Entwicklung der Glockengiefser-
kunst gewähren, wie er sonst nur durch weite Reisen
und durch mühsames Ersteigen vieler Thürme ge-
wonnen werden kann.

Bücherschau.

De historia palatii Romanorum Pontificum
Avenionensis, comment. Francisci Ehrle S.J.
Romae 1890, Typis Vaticanis.
Die hier auf 153 Seiten in 4° erläuterten und mit
*7 photographischen Tafeln versehene Baugeschichte
des päpstlichen Palastes zu Avignon ist ein Auszug
aus Ehrle's grofs angelegter Geschichte der päpstlichen
Bibliothek während des XlV.Jahrh. (1295 bis 1417).
Der durch gelehrte Quellenforschung rühmlichst be-
kannte Herausgeber hat aus den alten Baurechnungen
des päpstlichen Kämmerers reiche Auszüge abdrucken
lassen. Sie betreffen die Jahre 1316 bis (1394) 1411 und
geben uns einen neuen Einblick in die Ballführung des
Mittelalters. Bei der geringen Zahl erhaltener Baurech-
nungen ist jede Veröffentlichung derselben mit Dank
entgegenzunehmen, weil jede auf das Genaueste zeigt,
wo, wie und womit man damals baute, zimmerte und
malte. Für die Datirung der einzelnen Theile des grofs-
artig um zwei Innenhöfe gruppirten, mit verschiedenen
Kapellen, Kirchen und Thürmen versehenen Palastes
sind durch die neue Publikation bisher unbekannte und
sichere Anhaltspunkte gewonnen. Wir müssen dafür
auf die Arbeit selbst hinweisen, weil eine klare Dar-
legung ohne Zeichnungen schwer ist und zuviel Raum
erfordern würde. Ehrle's Buch wird nicht nur Kunst-
forschem und Kulturhistorikern, sondern auch allen
Denen wichtige Dienste leisten, die sich mit der Ge-
schichte der Avignoner Päpste beschäftigen; läfst es
doch die Einrichtung des Palastes, also die Lage der
den einzelnen Beamten und Kommissionen, dem Schatz
und der Bibliothek, dem Gottesdienst und den Au-

dienzen zugewiesenen Räume erkennen. Es bietet da-
durch ein plastisches Bild der päpstlichen Hofhaltung
im XlV.Jahrh. Beissel.

Die Malerschule von Nürnberg im XIV. und
XV. Jahrh. in ihrer Entwickelung bis auf Dürer dar-
gestellt von Henry Thode. Frankfurt a. M. 1891,
Verlag von Heinrich Keller.
Wenn der Verfasser es unternahm, den künstlerischen
Vorfahren Dürers auf dessen heimathlichem Boden nach-
zuforschen, so hatte er sich damit von selbst die schwie-
rige Aufgabe gestellt, die älteste Malerschule Nürnbergs
zu untersuchen. Sie war, wie alle alten deutschen Maler-
schulen, in Dunkel gehüllt: Bilder ohne Namen, Namen
ohne Bilder. Dank seiner ganz aufsergewöhnlichen Gabe
der Stilkritik und der Kombination hat er zu den her-
vorragendsten Nürnberger Gemälden die Meister ge-
funden und die ganze Entwickelung dieser in sich wie
in ihren Folgen so bedeutsamen Malerschule in durch-
aus überzeugender und anschaulicher Weise geschildert,
durch 32 beigefügte Abbildungen dem Leser das Urtheil
über die Richtigkeit seiner Resultate wesentlich er-
leichternd. Mit so feinem wie bestimmtem Verständnifs
für die Vorstellungen, auch die religiösen, ausgestattet,
von denen die alten Meister beherrscht waren, prüft er
ihre Schöpfungen so unbefangen und zutreffend, dafs
nur einige kleine Mifsverständnisse begegnen. Der
Ursprung der Nürnberger Tafelmalerei wird unter sehr
lehrreicher Betonung der mafsgebenden Gesichtspunkte
dargelegt und dann sofort als der erste grofse Meister
(im Anfang des XV. Jahrh.) Berthold eingeführt, der
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