Zeitschrift für christliche Kunst — 4.1891

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1891. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 3.

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Nachrichten.

Die ursprüngliche Dekoration der
alten Dorfkirche zu Brenken.

Die in Band I, Sp. 333 bis 342, dieser Zeitschrift
vorgeführte alte romanische Kirche zu Brenken hatte
im Innern mit Ausnahme des Chores einen echt blau-
weifsen Tüncheranstrich. Behufs Restauration wurde
derselbe mit seinen darunterliegenden Vorgängern bis
auf die ursprüngliche Dekoration entfernt und nun bietet
sich dem Eintretenden folgende alte Färbung dar.

Bis zum Arkadengesims, welches die ganze Kirche
über den Arkadenbögen durchläuft, ist die Struktur aus
gespitztem Sandstein ohne Putz hergestellt. Dieser Sand-
stein hat aber direkt eine grau-schwarze Farbe erhalten
mit Ausnahme der Gewölbezwickel, welche zwischen
den Arkadenbögen sich bilden; diese sind in der gelben
Farbe des verwendeten Sandsteines belassen.

Die gegen diese Zwickel scharf abgegrenzten Ar-
kadenbögen, welche aus schönen Schnittsteinen ge-
schlagen sind, haben aber auch grau-schwarze Färbung.
Die Arkadenbögen haben im Innern Putz mit lehm-
gelber Färbung ohne weitere Dekoration als einen
schwarzen Abgrenzungsstrich.

Auf den Arkadenzwickeln waren direkt auf den Sand-
stein Figuren angebracht. Leider waren dieselben nicht zu
erhalten. Auf der nördlichen Seite sieht man noch in ganz
undeutlichen Umrissen eine Bischofsfigur mit schwefel-
gelbem Stabe, welcher in eine romanische Volute ausläuft.

Der Arkadensims und die Gewölbekonsolen im Seiten-
schiffsind goldgelb (orange) in Oker angelegt und grenzen
den Unterbau von der oberen Konstruktion scharf ab.

Die Schildbogenwände im Oberbau sind mit fettem
Haarkalkmörtel abgefilzl und haben eine lehmgelbe

Färbung, welche sofort aufgetragen sein mufs, so dafs
sie sich mit dem Mörtel chemisch verbunden hat. Auf
diesen Grund sind mit flotter Hand in grofsen Umrissen
in braunroth-, mennige- und erdgrün Gemälde angelegt,
welche aber meistens beim Entfernen der siebenfachen
Tünche von dem fetten Kalkgrunde sich ablösen. Die
Farben haben sich mit den aufgetragenen Schichten
chemisch verbunden und sitzen auf dem gelben Grunde
lose auf. Unter gröfster Sorgfalt ist es bis jetzt erst
gelungen, einen Theil eines grofsen Drachen mit stili-
sirten Füfsen und Klauen und die Figur eines heil.
Stephanus blofszulegen.

Die Gurtbogen zeigen an der Innenfläche Putz mit
gelblicher Färbung und einen dunkeln Kantenslrich,
sonst aber keine Dekoration. Ihre aus dem Gewölbe
hervortretende Schnittfläche ist freier Sandstein mit
dunkler Färbung, wie die Substrukturen sie haben.

Das Gewölbe hat Putz mit heller Okerfärbung, ist
aber ohne jede Dekoration — wenigstens im Kirchen-
schiff; nur die Grathen sind goldgelb mit braunrolhen
Konturen markirt. Durch diese Einfachheit des Schiffs-
gewölbes mufste um so mehr die ganz bemalte Fläche
des Chorgewölbes hervortreten. Letztere stellte das
Weltgericht mit Christus auf dem Regenbogenthrone,
links Johannes den Täufer, rechts die Mutter Gottes
und gegenüber Michael mit der Gerichtswage dar —
diese Malerei ist aber leider in den siebziger Jahren
„erneuert" und verdorben worden.

Der Totaleindruck der einfach harmonischen De-
koration mufs ein allerliebster und für eine Dorfkirche
passender gewesen sein. Bei der Restauration sollen
die alten Farben genau erneuert werden.

Brenken. J. Pieper.

Bücherschau.

Das Berliner Galeriewerk von Meyer und
B o d e (G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung) bringt mit
den inzwischen (vgl. Zeitschr. f. christl. Kunst 1889/90,
II. Jahrg., Heft 8, Sp. 271 bezw. I. Jahrg., Heft 4,
Sp. 147) ausgegebenen Lieferungen 5 und 6 die Ab-
handlungen von Jul. Meyer über die Florentinische
Schule des XV. Jahrh. und von Wilh. Bode über
die Vlämische Schule des XVII. Jahrh. zum Abschlufs.

Wiewohl in den Abbildungen nur die in der Berliner
Galerie vorhandenen Gemälde wiedergegeben und in
den Ausführungen an erster Stelle behandelt werden,
so bietet der Text des prächtigen Werkes stets ab-
gerundete Schilderungen, indem er die einzelnen Künstler-
gruppen nach Schulen zusammenfafst, die mafsgebenden
Künstler zum Mittelpunkt der Erörterung macht, die
mitstrebenden Genossen im Zusammenhang mit der
künstlerischen Bewegung der Zeit zeichnet. Die nun-
mehr vollendeten Abhandlungen, worüber im Einzelnen
an dieser Stelle bereits berichtet wurde, sind treffliche
Proben für die in Aussicht genommene Behandlungs-
weise. Trotz der Verschiedenheit der Hand ist die

Einheit der zu Grund gelegten Gesichtspunkte gewahrt.
Farben- und figurenreich ziehen die Florentiner des
XV. Jahrh. mit all ihrer Eigenart auf, und die Viani-
länder des XVII. Jahrh. bilden einen nicht weniger
stattlichen Zug. Dorten ragen Verrocchio, Botticelli
und Ghirlandaio mit ihren Gebilden voll künstlerischer
Hoheit hervor: Natur und Antike sind in den Dienst
der begeistertsten religiösen Kunst gestellt; die Werke
der Malerei folgen der Richtung zum Grofsen, welche
sie mit der Muse Dante's theilen. Botlicelli's Persön-
lichkeit und sein Werk sind mit ersichtlicher Vorliebe
gezeichnet; die eigenthümlichen Vorzüge seiner Kunst
machen ihn in der That zu einer besonders anziehenden
Erscheinung, deren Einwirkung jüngst in England eine
Nachblüthe in den sog. Prä-Raffaeliten hervorgerufen
hat. Bemerkenswerth ist, was hinsichtlich der „Be-
einflussungstheorie" (S. 40—41) von Jul. Meyer gesagt
wird. Den dort ausgesprochenen Anschauungen dürfte
im Allgemeinen wohl beizupflichten sein; in der Folge
wird aber den „Einflüssen" nach Zahl und Wirkung
dennoch eine Bedeutung zuerkannt, welche über die
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