Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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-a-5Ö> PERSONAL-NACHRICHTEN - VERMISCHTES <Ö£»^

Florenz und war dort drei Jahre lang sein spezieller
Schüler. Von Florenz ging er nach Paris; dann
reiste er viel, mit Vorliebe in Italien, stets mit
Eifer an Bildern beschäftigt, die fast sämtlich
Böcklinschen Stil zeigen. Auch Böcklinsche Kraft
im Kolorit; das ist Sandreuters Vorzug immer ge-
wesen — auch als er die an Böcklin gemahnenden
Sujets aufgab und nach und nach völlig selbständig
wurde. Er siedelte sich dann in der Heimat an
und baute sich schliesslich in Riehen bei Basel ein
Haus, das er, in völlig eigener Arbeit, zum Muster
eines feinsinnig behandelten modernen Künstler-
sitzes machte. Auf zwei Gebieten ist Sandreuter
ganz bedeutend geworden: Als Schöpfer von gross
gefassten, farbentiefen, breit dekorativ wirkenden
und doch zugleich intimster Stimmung nicht ent-
behrenden Landschaften, unter denen »Sommertag;
(Kunstverein in Basel), >Moorhaldec (Dresdener
Nationalgallerie) und zwei Rheinbilder (gegenwärtig
in Paris hoch geschätzt) genannt sein mögen. So-
dann war er ein vorzüglicher dekorativer Figuren-
maler von einer Grösse der Auffassung und von
einer Klarheit und Ideenfülle der Komposition, an
die mancher nicht heranreicht. Einige Sgraffito-
Fassaden in Basel, der mit acht figurenreichen,
zartfarbigen dekorativen Panneaux geschmückte
Schmiedenzunftsaal daselbst, zwei Glasmosaikbilder

HANS SANDREUTER GRÜNDUNG BERNS
DURCH BERTOLD V.

am Landesmuseum in Zürich, ein Fenster im
Bundespalaste zu Bern, dekorative Malereien (wor-
unter »Die Quelle«) im Grand Hotel zu Baden
(Aargau) sind Zeugnisse für ein Linien- und Farben-
gefühl, um dessenwillen Sandreuter immer zu den
Besten wird gerechnet werden müssen. Von seinen
Tafelbildern mit Figuren nennen wir den kräftig
bewegten =Jungbrunnen< (Basler Museum), >Die
Himmelspforte< (Berner Museum), >Das ländliche
Fest« und »Dolce farniente als besonders gelungen.
Sandreuter ist ein durchaus ernster Künstler ge-
wesen; >unentwegt hat ihn Böcklin genannt und
hat damit das rastlose Streben des talentvollen
Schülers nach dem Höchsten bezeichnen wollen.
Nie hat er dem Tagesgeschmack gehuldigt, nie
Konzessionen gemacht: er war ein Ganzer, ein
Eigener, ein Charakter im Leben wie in der Kunst,
die ihn deshalb nicht vergessen wird. - r.

rvÜSSELDORF. Am 8. Juni starb in Düsseldorf
*-* die Witwe des Professors Carl Gehns, Anna
Gehrts, die Tochter des Malers Adolf Köttgen.
Sie war selbst eine ausübende Künstlerin und hat in
meist unmittelbar vor der Natur gemalten, frisch und
gut empfundenen Landschaftsbildern ein bemerkens-
wertes Talent offenbart. — Am 10. Juni ist der Land-
schaftsmaler Wilhelm Brandenburg im achtund-
siebzigsten Lebensjahre gestorben. Seine deutschen
Landschaftsbilder sind im Sinne der älteren Schule
gut komponiert. tz.

MÜNCHEN. Der städt. Bauamtmann Theodor
Fischer wurde zum Honorarprofessor an der
Technischen Hochschule ernannt. — Der Maler
Melchior Kern hat am 15. Juni in Burghausen an
der Salzach eine Malschule für Damen eröffnet. —
Georg Meisenbach sen., der Erfinder der Auto-
typie und Begründer der bekannten Firma Meisen-
bach Riffarth & Co., München, feierte am 27. Mai
seinen sechzigsten Geburtstag.

VERMISCHTES

AflÜNCHEN. Hier hat sich soeben eine neue
Künstlergenossenschaft „Phalanx" gebildet,
die sich zur Aufgabe macht, in engem Anschluss
aneinander gemeinsame Interessen zu fördern. Vor
allem will sie die Schwierigkeiten, die sich dem
jüngeren Künstler bei Ausstellung seiner Werke in
den Weg stellen, überwinden helfen. Die Einrich-
tung einer dauernden Ausstellung von Werken der
Genossenschaftsmitglieder wie eingeladener Künst-
ler in einem eigenen Hause ist zu dem Zwecke
beschlossen worden. 261

— Auf der sächsischen Landessynode kam es bei
Besprechung des Abschnittes über kirchliche Kunst
zu einer durch die über moderne Kunst zum Aus-
druck gebrachten einander gerade entgegengesetzten
Ansichten interessanten Debatte. Verhielt sich der
Referent gegenüber der modernen Kunst ablehnend
und sprach er die Hoffnung aus, dass sie auf
religiösem Gebiete vor der Kirche halt mache, so
führte Geh. Regierungsrat Dr. Rumpelt aus, dass sich
die Kunst weder von der Kirche noch vom Staate
koramieren liesse. Mit Liebe und Verständnis,
wolle man die Kunst beeinflussen, müsse man ihr
entgegentreten. Pfarrer Kröber empfahl sogar die
moderne Malerei für Schöpfungen in der Kirche.
So nur könne man sie in ihrem Schaffen und ihren
Zielen vertiefen. Klinger wurde im Verlaufe der
Debatten gegen den Vorwurf, er sei ein >Profän-
künstler,< von einem Synodalen in Schutz genommen.

Redaktionsschluss: 15. Juni 1901. Ausgabe: 4. Juli 1901.

Herausgeber: Friedrich Pecht. — Verantwortlicher Redakteur: Fritz Schiartz.
Verlagsanstalt F. Bruckmann a.-g. in München, Nymphenburgcrstr. 86. — Druck von A. Bruckmann, München.
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