Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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DIE DRITTE KUNSTAUSSTELLUNG

DER BERLINER SECESSION

Von Hans R
(Schluss von

^wischen Böcklin's unvergleichlichen
Meisterwerken, dem „Sommertag" und
der „Venus Anadyomene" hängt in dieser Aus-
stellungsein unvollendet gebliebener „Rasender
Roland" ; bemerkenswert dadurch, dass man
sehen kann, wie Böcklin seine Bilder anlegte,
und interessant als Beispiel für seinen ewig
bewunderungswürdigen Humor. Der nackte
tolle Riese ist auf einer Anhöhe mit einer
Rotte von Bauern zusammengetroffen, die
ihm zu Leibe wollen. Mit einem abgebrochenen
Baumstamm schlägt er wütend auf die An-
greifer los. Einzelne liegen tot oder ver-
wundet da, einer wirbelt wie ein Kinder-
püppchen von dem Rasenden fortgeschleudert
durch die Luft, andere fliehen, und von
diesen Flüchtenden ist einer, der nicht mehr
laufen kann, einem davoneilenden alten Bäcker-
weibe auf den Rücken geklettert. Von Leibl
sieht man nicht weniger als sechzehn Werke.
Viele Jugendarbeiten darunter und sein letztes
Bild, eine junge Bäuerin im Festschmuck,
in der etwas verblasenen Malweise der letzten
Jahre, aber auch mehrere seiner künstlerisch
am höchsten stehenden Werke. Das allerköst-
lichste davon ist das wohl nach der Pariser
Reise entstandene, breit und flächig gemalte
Bildnis von Leibis Oheim, als Charakterschilde-
rung herrlich, als Malerei so gut wie das Werk
irgend eines der grössten Meister. Dann ist da
ein Knabenkopfganz en face, unendlich einfach
gemacht, aber Kunst, grösste Kunst! Diese
Bilder, eine Leibis Mutter darstellende Zeich-
nung, das Bildnis des Malers Sattler mit der
Dogge, die Skizze zu dem „Kunstkritiker", die
Studie zu einem schlafenden „Savoyarden-
knaben" lassen Leibis ausserordentliche Grösse
und Bedeutung im vollen Umfange erkennen.
Tho.wa ist weniger günstig als in früheren
Jahren vertreten; indessen geben die „Predigt
am See Genezareth" und ein „Sonnenuntergang
am Flussufer" mit einem andächtig stehenden
Fischer sehr bezeichnende Vorstellungen von
dem Wesen seiner Kunst.

Die Münchner haben die Ausstellung spär-
licher als sonst beschickt. Die meisten Werke
stammen von der Frühjahr-Ausstellung der
Secession, die Karl Voll an dieser Stelle so
eingehend besprochen. Den stärksten Eindruck

dsenhagen

Seite 474)

(Nachdruck verboten)

von den vorhandenen Werken machen die
„Abendstudie" von Landenberger (s. S.
472), Uhde's „Gartenbild" (s. S. 475), Ar-
beiten von Zügel, Hayek, Hegenbarth und
Schramm-Zittau, der hier noch nie so gut
vertreten war wie dieses Mal mit dem grossen
Kuhbilde. Th. Th. Heine hat ein paar köst-
liche Landschaften, Exter seinen „Nixensee"
ausgestellt, Fritz Hofmann und Schlittgen
lassen gute Bildnisse sehen. Vortrefflich sind
Habermann, Philipp Klein, Pottner,
Crodel, Hummel, Buttersack, Kutscha,
Putz und von Bildhauern Lang und Wrba
vertreten. Die neue Münchner Entdeckung
Lichtenberger interessiert durch die äusserst
pikante Palette und die kecke Münchner Mal-
weise, erinnert indessen stark an den Pariser
Vuillard. Volkmann's bekannte edle Plastik,
„Am Ziel" gereicht der Ausstellung zur Zierde.

Unter den Werken der Ausländer befindetsich
mehr als ein „Clou". Es giebt überhaupt kein
schöneres Bild von Renoir als das hier gezeigte
(a. S.471 abgebildete) Porträt einer in weissen
Musselin gekleideten, mit einer schwarzen
Schürze gegürteten Dame, die mit geöffnetem
weissem und mit schwarzen Spitzen besetztem
Sonnenschirm in einer Parklandschaft steht,
aus dem Jahre 1867. Das ist ein male-
risches Kunstwerk ersten Ranges. Und wie
geschmackvoll! Wie die Arme unter durch-
scheinendem Stoff halb in der Sonne, halb
im Schatten gemalt sind, wie da Weiss und
Graugrün und Schwarz vornehm zu ein-
ander stehen — das ist einzig. Mit diesem
Werk allein schon müsste Renoir für einen
der grössten Künstler gelten. Kaum weniger
stark ist das ebenfalls lebensgrosse Bildnis
einer Dame von Claude Monet, 1866 gemalt
(s. Abb. a. S. 498). Die elegante junge Frau
geht, zum Ausgang gerüstet, den Kopf über
die Schulter zurückwendend, in dunkelgrün
und schwarz gestreifter Seidenrobe und kur-
zem, schwarzsammetnem, pelzbesetztem Jacket
auf eine dunkle Portiere zu. Niemals ist
Stoff schöner gemalt worden. Eine Noblesse
ohne gleichen in Farbe, in Haltung, in allem,
was man nur will. Zwei aus derselben Zeit
stammende, herrliche grosse Hafenbilder von
Monet (eines abgebildet a. S. 477), die als

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