Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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ALFRED L1CHTWARK

UND DIE HAMBURGER KUNSTHALLE

VON

KARL SCHEFFLER

[nter den Leitern unserer Museen für
neuere Kunst giebt es, seit etwa zwei
Jahrzehnten, manche bedeutende Per-
sönlichkeit. Früher begegnete man dem
zwar gebildeten und eifrigen aber ziem-
lich kunstfremdenVerwaltungsbeamten öfter als dem
nach bestimmten Zielen aufbauenden Organisator;
erst die zur Herrschaft drängenden Bildungskräfte
der neuen Kunst haben darin Wandel geschaffen.
Indem sich die neue Malerei und Bildhauerei unter
heftigen Meinungskämpfen einen Platz in den
Museen eroberten, zwangen sie die Museumsleiter
zu einer wohlthätigen Parteinahme, zu einem frucht-
baren Heraustreten aus dem indifferenten Bureau-
kratismus; oder es rief die neue Lage der Dinge
neue Männer herbei, die den Gefahren des Kunst-
kampfes gewachsen waren, ja, die das Zeug hatten
dem neuen Wollen Vorkämpfer zu werden. Die
Macht_ des Echten hat es erreicht, dass sich eine
neue Übereinkunft in der Einschätzung von Kunst-

werken gebildet hat, dass sich die Empfindungen
für Qualität verfeinert haben, dass die Ziele höher
genommen worden sind und dass „ein neuer Typ
des Galerieleiters" entstanden ist.

Alfred Lichtwark gehört diesem neuen Typ
in einer besonders prägnanten Weise an. Was
ging doch vor dreissig Jahren noch die im Reiche
Lebenden die Arbeit eines Hamburger Galerieleiters
an! Lichtwarks Name aber hat, seit zwei Jahr-
zehnten schon, in allen Teilen Deutschlands einen
gewichtigen Klang. Diese Wirkung ist erzielt wor-
den, weil dieser Museumsleiter sein Amt nicht wie
ein Stadtbeamter aufgefasst hat, sondern wie ein
der ganzen deutschen Kunst Verantwortlicher, weil
seine Museumsarbeit ihm nichts ist als das im
höheren Sinne zufällige Bethätigungsfeld eines um-
fassenden Willens zu edler Kunstkultur. Nach-
drücklicher noch als die meisten seiner willensver-
wandten Kollegen, hat Lichtwark das Eine so
gethan als wäre es das Ganze, hat er die lokale

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