Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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DIE TSCHUDISPENDE

VON

HERMANN UHDE-BERNAYS





en Freunden Hugo vonTschudis,
denen noch im letzten Jahre
seines Martyriums vergönnt
war, Zeugen eines seiner selte-
nen Gespräche zu sein, worin
er die Zukunft der Münchner
Sammlungen wie ein Feldherr
strategisch klar entwickelte, werden mit besonderer
Wehmut solche Hoffnungsworte des Geschiedenen
vor der Seele stehen, deren Verwirklichung nur
durch Tschudi möglich gewesen wäre: eineTribuna
der deutschen, eine der französischen Kunst des
neunzehnten Jahrhunderts in der alten Pinakothek.
Losgelöst von lokalen und parteipolitischen Inter-
essen, erhoben über das Gewöhnliche, sollten da
Meisterstücke, allein ihrer Qualität wegen, den
grossen Kunstwerken der früheren Jahrhunderte
eng verbunden, in der von Tschudi erkannten Folge
die historische Überlieferung festhalten, und gleich-
zeitig den heranwachsenden Generationen Sicherung

geben und ihnen herausfinden helfen aus der schul-
düsteren Urteilsunselbständigkeit. Eine unsichtbare
Monarchie des Geistes zerfiel mit Tschudi. Seine
Freunde eilen darum, den Waffen ihres Meisters
den Ehrenplatz anzuweisen. Er ist mitten im Kampf
erlegen. Was er errungen hat, war nur vorläufig
gesichert, aber noch nicht Besitz. Diesem Um-
stände, dass Hugo v. Tschudi, unbekümmert um
die an sich belanglose Beschaffung der äusseren
Mittel, in ruhiger Überlegung, provisorische An-
käufe von Bildern und Plastiken machte, deren Er-
werbung ihm eben als unbedingte Notwendigkeit
erschien, ist es nur zu danken, dass die Münchner
Pinakothek jetzt endlich eine fast geschlossene Reihe
von Werken französischer Kunst ihr eigen nennen
darf, die von der Bedeutung des Impressionismus
eine siegreich zwingende Vorstellung giebt. Eine
Reihe zugleich, wie sie nur einem mit dem Besitz
des Kunsthandels vorzüglich vertrauten Kenner (und
ein solcher war Tschudi, zum Vorteil der von ihm

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