Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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GOETHE, RÖMISCHE CAMPAGNA. BLEISTIFTZEICHNUNG

NEUE BÜCHER

Goethes italienische Reise, mit den Zeich-
nungen Goethes, seiner Freunde und Kunst-
genossen. Herausgegeben von Georg von Graevenitz.
Leipzig 1912. Im Insel-Verlag.

Diesem Werk des Insel-Verlags gegenüber muss
man erstaunen, dass niemand die doch so nahe-
liegende Idee früher schon verwirklicht hat, Goethes
Italienische Reise zusammen mit den vom Dichter selbst
in Italien gemachten Zeichnungen herauszugeben.
Allerdings hat es sein Gutes, dass es nicht geschehen
ist, denn kein Verlag hätte dieses Werk bisher
herausbringen können, wie es vom Insel-Verlag
nun geschehen ist. Mit Büchern wie diesen wird eine
neue Art von Prachtwerken geschaffen, die nicht das
Geringste mehr mit den nur in Gänsefüsschen zu nen-
nenden berüchtigten Prachtwerken der siebenziger und
achtziger Jahre zu thun hat, sondern die das Repräsen-
tative mit formaler Würde aus dem Geist des
Gegenstandes heraus entwickelt. Das Buch ist typo-
graphisch eine Musterleistung, von dem vorzüglichen
Einband E. R. Weissens, bis zu dem wahrhaft künst-
lerischen Druck der Spamerschen Druckerei und bis zu
den vorzüglichen bei Bruckmann ausgeführten Licht-
drucktafeln. Trotz des grossen Formats lesen sich die
Textseiten vollkommen klar und angenehm; die Bilder
aber begleiten den Text ohne alle Aufdringlichkeit.

Künstlerisch wichtig ist es, dass mit diesem Werk

die Zeichnungen Goethes endlich einmal zur Kenntnis
auch des nicht Spezialstudientreibenden Goethefreundes
kommen. Über den Wert und die Bedeutug dieser Zeich-
nungen haben wir vor einigen Jahren einmal ausführ-
licher berichtet (Jahrg. VIII, S. 69). Die Reproduktionen
auch dieser Werke bestätigen durchaus das damals
Gesagte. Besonders interessant ist es, dass wie zum
Vergleich Arbeiten der durch Goethe unsterblich ge-
wordenen Kunstgenossen hinzugefügt sind, Blätter von
Wilhelm Tischbein, Hackert, Kniep u. s. w. Es ist sehr
der Beachtung wert, wie weit GoethesDilettantenblätter
die dieser klassizistischen Akademiker an Frische, an
unbeholfener Naivität, an Impressionsfülle überragen.
Wir geben einige Proben in Reproduktionen, woraus
man ersehen mag, wie sehr Goethe als Zeichner das
Duftige, das Atmosphärische und unmittelbar Lebendige
erstrebte und wie gerade das Skizzenhafte ihn oft das
Wesentliche berühren Hess. Ein gutes und merkwür-
diges, an Caspar Friedrich und Kersting erinnerndes
Sepialblatt Tischbeins fügen wir als charakteristische
Probe hinzu.

Es sei wiederholt: wenige moderne Neuausgaben
giebt es, deren man sich so von Herzen und so unein-
geschränkt freuen könnte, wie man sich dieser würdigen
Publikation des Insel-Verlags freut.

K. S.

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