Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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EUGENE DELACR01X, SELBSTBILDNIS. ZEICHNUNG

EUGENE DELACROIX

IN SEINEM TAGEBUCH

VON

ERICH HANCKE

MW*-J* ntcr ^cn grossen Malern, die der an malerischen
\_j/& Talenten bis dahin so karge Boden Frank-
reichs im neunzehnten Jahrhundert in so wunder-
barer Fülle hervorbrachte, ist Delacroix durch seine
Persönlichkeit, seine Begabung und seine Laufbahn
die glänzendste Erscheinung. Fünfundzwanzig Jahre
alt erringt er mit seinem „Dante und Virgil" einen
ungeheuren Erfolg. Der Staat kauft das Bild an. Sein
zweites Werk „Das Blutbad von Chios" betont seine
Stellung zur gleichzeitigen Kunst stärker und teilt
die französische Kunstwelt in begeisterte Anhänger
und erbitterte Gegner seiner „romantisch" genann-
ten Malerei. Den glänzenden Erfolg seines Debüts
muss er nun jedes Jahr von neuem verteidigen. Fünf-
undzwanzig Jahre hindurch refüsiert die akademische
Jury des Salons bei jeder Ausstellung einige seiner
Bilder und im Jahre 1859 bereitete man dem ein-
undsechzigjährigen Meister im Salon, den er mit
acht Bildern beschickt hatte, einen furchtbaren Miss-
erfolg, der, wenn er auch seinem Ruhme nicht

schaden konnte, ihm für den Rest seines Lebens
das Ausstellen verleidete.

Von Jugend an zart und oft durch Fieberanfälle
an der Arbeit gehindert vollbringt er ein Lebens-
werk, das den Körper eines Riesen zu erfordern
scheint. Der Katalog seiner Werke von A. Robaut
erwähnt 853 Gemälde und die Zahl seiner Aquarelle,
Pastelle und Zeichnungen beträgt gegen 9000.
Neben dieser Thätigkeit fand er noch Zeit, über
Kunst zu schreiben und zwar mit das Beste, was je
darüber geschrieben wurde.

Seine grösseren Artikel über Michelangelo,
Prudhon, Poussin u. s. w., die in verschiedenen
Revuen erschienen, wurden nach seinem Tode ge-
sammelt und neu herausgegeben. Aber nicht diese
ausgeführten abgerundeten Arbeiten sind das wert-
vollste seiner Kunstkritik, sondern die kürzeren
Aufzeichnungen seines Tagebuches.*

* Eugene Delacroix, Mein Tagebuch, bearbeitet von Erich
Hancke. Berlin 1909. Bruno Cassirer Verlag.

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