Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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CHRONIK

KRITIKERPREISE

Das Komite der grossen Internationalen Kunstaus-
stellung in Rom i y i i hatte eine Anzahl von Geld-
preisen in betrachtlicher Höhe ausgesetzt für die besten
Kritiken. Der Erfolg scheint die Mühe gelohnt zu haben,
denn die Veranstalter der diesjährigen Internationalen in
Venedig haben das Beispiel nachgeahmt. Trotzdem die
Ausstellung in Venedig schlecht ist, jedenfalls viel
schlechter als die römische, haben sich eine grosse An-
zahl von Kritikern am Start eingefunden, und die Aus-
stellung hat in Italien eine glanzende Presse.

Wir leben in einer Zeit, wo es sehr schwer ist, über-
haupt ernsthafte Kritiker für Glaspalastvorführungen
zu finden. Kein Mensch hat Lust, Kritiken über Kunst-
ausstellungen zu schreiben, kein Mensch ausser den be-
treffenden Gelobten und Getadelten hat Lust, sie zu
lesen. Die Zeitungen haben glücklicherweise den Raum
für die Rezensionen auf das Mindestmaass eingeschränkt
in Deutschland und Frankreich so gut wie in England.
Das kommt: die Schlachten sind geschlagen, die Toten
sind gezählt und begraben und wir haben Frieden. In
der Ferne kämpfen ein paar Vorposten für neue kom-
mende Dinge, die Auseinandersetzungen sind fast
durchweg prinzipieller Art, man giebt Erklärungen und
Beleuchtungen der neuen Expressionisten- und Futu-
risten- und Kubisten-Probleme. Die Schriftsteller sind
meistens die Künstler selbst. Das Übrige wird von aus-
gedienten Leuten im Gartenlaubenstil prompt besorgt.
Ob das ein Kritiker ist, dessen bessere Tage um eine

Generation zurückliegen, oder ein Maler, dessen
schlechtere Tage um zwei Generationen, spielt dabei
keine Rolle. Auf der ganzen Linie siegt die weitest-
gehende Kritikmüdigkeit.

Das Mittel, das die Italiener hiergegen erfunden
haben, ist bedenklich und thörichr. Es kann doch nicht
mit rechten Dingen zugeben, dass jenes dei dpiöreueiv,
das man bei dem Gros der Künstler vergeblich sucht,
plötzlich auf die Rezensenten übergesprungen sein soll.
„Wo nichts ist" usw. Und was ist eine „gute" Kritik?
Und was ist dann die „beste"Kritik? Man sollte meinen
dass die beste Kritik die sei, welche schonungslos die gros-
sen Werte von denkleinen unterscheidet, die unabhän-
gigste Art der Beurteilung, die nur auf die wenigen
grossen Leistungen Gewicht legt und, wenn's sein muss,
das Unrechte so lange kurz und klein analysiert, dass es
nicht mehr kriechen kann. Solche Kritiken pflegen selten
und sie pflegen kurz zu sein. Um sie hervorzuzaubern,
da nützt kein Preis; sie kommen immer nur „trotzdem"
und manchmal „nun gerade". Bei einer Preisverteilung
für Kunstkritik hätte Ludwig Pietsch immer den ersten
bekommen. Er hat nie jemand beleidigt, oder wenn er
jemand beleidigen wollte, kam er zufällig immer an
jemand, den er gar nicht beleidigen konnte (wegen seines
Mangels an zureichender Einsicht). Er hat es derMittel-
mässigkeit immer recht gemacht, den Einzelnen sowohl
wie der ganzen Veranstaltung. Der ganzen Veran-
staltung - das ist hier der heimliche Kaiser. „Die Aus-
stellung, die ihr da gemacht habt, ist hochinteressant.

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