Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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ESSAI DE PHYSIOGNOMONIE

VON

RUDOLF TÖPFFER

MITGETEILT UND EINGELEITET

von ERNST SCHUR

Rudolf Töpffer schrieb im Jahre 1845 ein kleines Werk: Essai de physiognomonie. Er hat darin
seine Theorien über seine Technik wie überhaupt über seine Art, Karikaturen zu zeichnen,
niedergelegt. Diese Karikaturen sind in den Bilderromanen gesammelt, die in Deutschland fast ganz ver-
gessen worden sind; (vgl. den Aufsatz im Augustheft 190p dieser Zeitschrift.) Man lernt in diesem
Büchlein, das noch unbekannter ist als die Bilderromane, einen Künstler kennen, der nicht nur geistreich
und übersprudelnd schafft, sondern der auch über seine Kunst nachdenkt. Da es sich um einen Karika-
turisten ersten Ranges handelt, sind die Ausführungen doppelt wertvoll; denn wir besitzen kaum etwas
Ähnliches von Vertretern dieser Gattung. Die Karikaturisten, die Satiriker unter den Künstlern, scheinen,
so lebhaft ihr Stift am Leben teilnimmt, schweigsam zu sein.

Abgesehen von diesem sachlichen Wert, fesselt die persönliche Note. All das, was wir an den Zeich-
nungen bewundern, die Beschränkung der Mittel, die Leichtigkeit der Umrisslinien, die geistreiche Art,
die fast flüchtig den Eindruck erhascht und festhält, die Nachlässigkeit, die den Reichtum fast verbergen
will und aus der Fülle schafft, dabei die sichere Betonung und Hervorhebung des Notwendigen, des
Charakteristischen, zugleich die Scheu vor allzugenauer Gründlichkeit, die den Eindruck beschwert und
ihm seinen schönsten Reiz, die Wahrheit im Persönlichen, nehmen würde, von all diesem ganz Persönlichen
ist etwas in diesem Werkchen. Töpffer spricht darin über Konturenzeichnung, über die Bedeutung der
einzelnen Teile des Kopfes inbezug auf den Ausdruck, über den Unterschied zwischen beständigen und
unbeständigen Zügen des Gesichts. Dies Alles nicht in trockener, lehrhafter Manier, sondern launig,
geistreich, ungezwungen und wo die Worte aufhören, greifen Zeichnungen ergänzend ein.

Man lernt hier den Schriftsteller Töpffer schätzen, der das Wort ebenso behende handhabt wie den
Stift. Mit beiden Mitteln operiert er souverän und wenn wir hinzunehmen, dass er in einer Zeit, die
die akademische Manier liebte, sich so frei seiner Auffassung des Künstlerischen hingab (die Ehrfurcht
vor der hohen, geregelten Kunst war auch in ihm noch lebendig und es ist eigen zu sehen, wie er seine
Art manchmal gewissermassen entschuldigt und vor der feierlich prätentiöseren Manier seiner Zeit Re-
verenz macht), so haben wir das Bild eines Menschen und Künstlers vor uns, der über seiner Zeit steht,
ja der Bleibendes schuf und mit seiner unerschrockenen, ganz persönlichen Art über sein Jahrhundert
hinweg Verbindung mit einer Gegenwart sucht, die den Impressionismus schuf.* Ernst Schur.



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Anm. der Red. Indem wir diese Übersetzung veröffentlichen, haben wir die traurige Pflicht, den Lesern zugleich den
unerwarteten und allzufrühen Tod Ernst Schurs mitzuteilen. Die Art, wie er sich des fast vergessenen Töpffer schon früher
in diesen Heften angenommen hat — auch ein kleines Buch über diesen Schweizer Zeichner erscheint soeben im Verlage Bruno
Cassirer — ist bezeichnend für die feine und herzliche Hingebung, für die Freude am Intimen und Echten, die Schur stets
beseelten. Er nimmt hier von den Lesern gewissermassen mit dem blassen, etwas verwunderten Lächeln Abschied, dass ihm
so gut stand, und das denen, die es kannten, im Gedächtnis bleiben wird.

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