Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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Sä-S

PAUL CEZANNE

ERINNERUNGEN
MITGETEILT VON JEAN ROYERE

'oviel ich mich entsinne, war ich an
einem der ersten Sonntage des Jahres
1893 über die Gleichgültigkeit ent-
rüstet, mit der die Leute in Dijon ihre
Zeitung lasen. Ich war aus Auxonne
gekommen, einer trübseligen, von
Vauban erbauten Festung, um diesen
freien Tag in dem Hauptort der Cote d'Or zuzu-
bringen, und der „Nouvelliste" hatte mich vom
Tode Ernest Renans unterrichtet. Doch im Cafe,
wo sie bei Absinth oder Picon ihre Blätter lasen,
war nicht einer unter den Gästen, der ausgerufen
hätte: „Renan ist tot!" Die Mehrzahl überging sogar
die vermischten Nachrichten, ohne sie zu lesen!

Aber am 24. Oktober 1906, als ein ausgespann-
ter Flor unter den in diesem Jahr im Herbstsalon
ausgestellten vier Leinwanden Cezannes mir seinen
Tod ankündigte (der am vorhergehenden Tage in
seinem Hause in der Rue Boulegon zu Aix in der
Provence eingetreten war), freute ich mich beinahe
über den geringen Eindruck, den dieser Flor machte

und über die Gleichgültigkeit, mit der dieser Tod
aufgenommen wurde. Cezanne war 67 Jahre alt!
Und dann war es eben Paul Cezanne: ein Mann,
den die Bewohner von Aix einmütig als Narren
betrachteten, oder wenigstens als ein Original, das
sich schlecht kleidete, zuweilen während einer gan-
zen Woche mit keiner lebenden Seele sprach, und
dessen Bilder am Ende seines Lebens zu über-
triebenen Preisen verkauft wurden. „Er ist tot",
sagten einige Künstler, „beeilt euch eure Cezannes
zu verkaufen, wenn ihr welche habt".

Einem Manne, der gelebt hatte wie Cezanne,
und der fast bis zum letzten Augenblick gemalt
hatte, ziemte ein stilles Ende. Sein Schicksal ge-
währte es ihm.

Ich hätte es als eine Schmach für sein An-
denken betrachtet, als einen Verstoss gegen die
Harmonie, wenn die Nachricht dieses Endes die
Neugierde der Menge erweckt hätte — als handelte
es sich um den Tod eines Königs oder eines Possen-
reissers.

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