Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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ALTE BUCHBINDEKUNST

VON

CARL SONNTAG JR.

ag ein nach rückwärts gerich-
tetes Sehnen in vielen Fällen
zu unrecht bestehen, der Buch-
binder von heute hat ein Recht
dazu, die alten Zeiten sich her-
zuwünschen, wo ein Schaffens-
gebiet vor ihm lag, wie er es
sich nicht schöner wünschen
konnte, wo er als Mitglied eines
blühenden und höchst ange-
sehenen Handwerks nach Herzenslust schaffen konnte.
Aber nicht nur der Buchbinder musste das Herz dazu
haben, sondern auch sein
Auftraggeber.Seies,daßein
Arbeiter als Klosterbuch-
binder die Aufgabe hatte,
ein wundervoll geschrie-
benes Missale oder Evan-
gelium auf das Kostbarste
zu binden zur Ehre seines
Gottes und zum prächtig-
sten Schmuckeseiner Kir-
che; sei es, dass er später
als weltlicher Handwerker
seine Werke im Dienste
reicher Städte undFürsten,
bibliophiler Gelehrter und
schöngeistiger Damen aus-
führte, immer hatte der
Buchbinder Auftraggeber,
die ihm nicht nur in hoch-
herziger Weise die Mittel
bewilligten, deren er be-
durfte, sondern die auch
seiner Kunstfertigkeit ein
grosses persönliches Inter-
esse entgegenbrachten,
und ihn und seine Kunst
zu fördern suchten. Wenn
damals schon das Buch an
sich eine andere Rolle
spielte als heute, so auch
der Einband, auf den, als
auf das Kleid eines ge-
liebten Wesens, die grösste
Liebe und Sorge verwen-
det wurde. Wir haben
heute gewiss Sammler, die
grössere Bibliotheken auf-
zuweisen haben, als die
Bibliophilen der vergange-

nenjahrhunderte; vielleicht mögen ihre Bibliotheken auch
zumTeil mehrKostbarkeitenenthalten. AnSchönheit des
Aussehens und an feiner Kultur wird aber kaum eine die
Büchersammlung der Alten übertreffen, werden wenige
ihr nahe kommen. Der Standpunkt des Sammlers hat
sich verschoben: seine Liebe gilt heute nicht mehr in
erster Linie dem Buch, sondern es hat sich etwas anderes,
Unsichtbares zwischen beide geschoben, nicht zum Vor-
teil für die Bibliophilie selbst: der Seltenheitswert. Man
kauft und sammelt Bücher nicht aus Liebe zu ihrem
Inhalt oder um ihrer schönen äusseren Ausstattung
willen, sondern weil sie selten geworden oder gemacht

worden sind, eigentlich
also ohne jede innere Be-
ziehung zu diesen Büchern.
Das Sammeln ist auch
nicht mehr Selbstzweck,
sondern hat etwas ge-
schäftsmässiges erhalten,
was so gar nicht zur edlen
Bücherliebhaberei passt;
man liebäugelt meist be-
denklich mit der Möglich-
keit eines vorteilhaften
Verkaufs seiner Schätze.
Freunde — und solche
waren die Bücher den alten
Bibliophilen — pflegt man
nicht so zu behandeln!
Damals fehlte, Gott sei
Dank, dieser Seltenheits-
wert in den meisten Fäl-
len. Die Bücher wurden
um ihrer selbst willen ge-
kauft und aus Liebe zu
ihnen und zu der schönen
Kunst Hess man siebinden.
Man liebte sie in einem
Kleid, das man selbst für
sie aussuchte und auf das
man mit Stolz sein Signet
setzen Hess. Man bevor-
zugte gewisse Lederfarben
und -Sorten und war wohl
auch selbst mit thätig, einen
eigenen, persönlichen Stil
für seine Einbände zu fin-
den und durchzuführen.
Welch einen wundervollen
Eindruck eine solcheBiblio-
thek gemacht hat, können

MAROQUINBAND MIT FARBENMOSAIK UND HANDVERGOLDUNG.

STIL LE GASCON

AUSGESTELLT BEI C. G. BOERNER, LEIPZIG

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