Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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FRIESRELIEF EINES SCHATZHAUSES. ENDE DES SECHSTEN JAHRHUNDERTS. MUSEUM IN DELPHI

PHOTOGR. PAPAIANNOPULOS

KUNSTLERISCHE PROBLEME
IN DER VORKLASSISCHEN PLASTIK

VON

EMIL WALDMANN

THESEUS UND ANTIOPE. MARMOR.

GIEBELGRUPPE VOM APOLLOTEMPEL ZU

ERETRIA. JONISCH, ENDE DES SECHSTEN

JAHRHUNDERTS

MUSEUM CHALKIS

Motto: Die Antike ist ein Feld, dessen
Bestellung leicht unfruchtbar wird, wenn
man keine eigene Inspiration mitbringt.

So wie jedes Zeitalter seinen Homer auf seine eigene, ihm eigentüm-
liche Weise liest, so hat auch jede Epoche bildender Kunst ihr be-
sonderes Verhältnis zur griechischen Kunst und zur griechischen Plastik.
Was das achtzehnte Jahrhundert, beispielsweise, von den griechischen
Werken verlangte, interessiert uns nicht mehr so sehr. Das liegt
nicht nur daran, dass wir seit Winckelmann und Lessing mehr kennen
gelernt haben von griechischer Plastik und dass uns seither die Werke
der absoluten Blütezeit erschlossen wurden, sondern es liegt im letzten
Grunde an der Art unserer modernen Plastik, an ihren Zielen und
ihrem Streben. Was die heutige Skulptur vor allen Dingen will, das
ist die Gestaltung der wahrhaft formalen Probleme in der Menschen-
bildnerei, unter starker Zurückdrängung geistiger Werte. Und wie wir
heute bei der Betrachtung der früheren Malerei vor allen Dingen den
Epochen und den Meistern unsere Aufmerksamkeit und unsere Liebe
zuwenden, denen das Malerische an der Malerei die Hauptsache war, so
interessieren uns von antiker Skulptur mehr als alle andern, auch die
schönsten, jene Perioden, in denen das wahrhaft Plastische den Schaffen-
den am Herzen lag. Das ist das gute Recht der Lebenden. Und so
ist es keine Lästerung, wenn wir heute nicht mehr die absolute Höhe
der griechischen Kunst, die Zeit des reifen Phidias und der Parthenon-
skulpturen immer und immer wieder betrachten und lieben, sondern
die Meisterwerke der vorklassischen Zeit. Dieses Recht erkennt sogar
die Archäologie an, wenigstens in den Vertretern, die sie künstlerisch
treiben, und sie weiss auch, dass der Grund dafür eben in dem Zusammen-
hang mit der Kunst unsrer Gegenwart zu suchen ist. Denn nicht die

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