Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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VINCENT VAN GOGH, DAS SCHLAFZIMMER DES KÜNSTLERS

DIE PERSÖNLICHEN ERINNERUNGEN N. B. MENDES DA COSTA'S
AN SEINEN LATEINSCHÜLER VINCENT VAN GOGH

MITGETEILT VON
MAX EISLER

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Les gens que vous tuez se portent assez bien.
(P. Corneille, Le Menteur.)

Um die Mitte der siebziger Jahre war Vincent auf
dem Umweg missglückter Versuche, als Kunst-
händler oder Sprachlehrer unterzukommen, über
Frankreich und England wieder ins Heimische ge-
kommen und hatte einstweilen im stillen Hafen
von Dordrecht angelegt. Der Buchhändler auf
dem Scheffersplein gab dem Umhergetriebenen
kurze Herberge und ein gelehrter Predikant öffnete
seine Studierstube. Es gab Bücher im Überfluss,
und mit der Hingabe des Ermüdeten nahm er sie
auf, als ruhe er beglückteren Sinnes in ihnen aus.
Zugleich aber bewies er an ihnen eine so erstaun-

liche Fähigkeit, zu erkennen und fortzuführen, dass
sie den weiteren Weg zum höheren Studium geradezu
notwendig erscheinen Hess. Dordrecht wird gegen
Amsterdam vertauscht, wo ein absurder Seeoffizier
dem Neffen Freikost und Quartier gewährt, damit
er sich zum propädeutischen Examen vorbereite. In
knapper Zeit sollen Latein, Griechisch und Mathe-
matik so weit verarbeitet werden, dass die Zulassung
zur Hochschule möglich wird. Für die alten
Sprachen wird in der Person Mendes da Costas
ein äusserst einsichtiger Unterweiser gefunden, und
nun gehts vorwärts.

Fast schien es so, als hätte Vincent damals an
einem Bücherleben Genüge gefunden und als hätte

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