Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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■ UNSTAUSSTELLUNGEN

DÜSSELDORF
Die rapide bauliche Entwickelung
Düsseldorfs in den letzten Jahren
hat sich ohne künstlerische Direktion
und Direktive vollzogen. Die Stadt,
die meines Wissens bereit ist, der seinerzeit von Hagen
ausgehenden grosszügigen Idee eines Generalbebauungs-
plans für den Industriebezirk näher zu treten, denkt
nicht daran, in ihrem eigenen Haushalt einmal positiv
grosszügig zu sein.

Düsseldorf ist die Stadt der Grossen Kunst und der
Kunstgewerbeschule mit einem Architekten als Direktor.
Aber Kreis besitzt anscheinend nicht genug universelles
Vermögen, um sich über die eben gestellte Aufgabe
hinaus interessieren zu können.

Endlich kam im vorigen Jahre der Wettbewerb zur
Erlangung eines Generalbebauungsplans. In diesem
Sommer werden die Ergebnisse im Rahmen einer
Städtebau-Ausstellung im Kunstpalast gezeigt. Der beste
Plan wird der sein, der es am natürlichsten fertig bringt,
den Schwerpunkt an diePeripherie zu verlegen. Vorjahren
gab die Auflassung des inmitten der Stadt gelegenen
Exerzierplatzes, gaben die sich daran knüpfenden monu-
mentalen Aufgaben Gelegenheit, im natürlichen Mittel-
punkt ein architektonisch wirksames Zentrum zu er-
richten. Die Möglichkeit wurde an die Wald- und
Wiesenarchitektur verthan. Ähnlich kurzsichtig und nur
von heute auf morgen denkend, verfuhr man mit der
Absicht einer grossartigen Uferstrasse, zu der die Rhein-
regulierung und der dabei neu geschaffene Quai Ver-
anlassung gab.

Die Flussansicht einer Stadt ist ihre Stirn. Düssel-
dorf hätte sie vor allen andern Städten monumental
und eindrucksvoll gestalten können. Es nutzte die Ge-
legenheit dazu, die hässlichste Flussansicht aller Rhein-
städte zu machen. Man fährt vorüber abwechselnd an
zerklüfteten, hohen Mietshauskomplexen, an Plätzen,
die wie Löcher ausschauen, und öffentlichen Gebäuden
in modernem „Stil", in deutscher Renaissance, in
Barock usw. Es bleibt diese Strasse auch die einfachste
landschaftliche Forderung schuldig. Auf ihr haben wir
gar nicht das Gefühl, an einem Strom entlang zu gehen.

In diese Strasse der Unzulänglichkeiten hat nun
PeterBehrens ein Haus (für dieMannesmann-Werke) ge-
baut. Die ihn damals nicht in Düsseldorf halten
mochten, müssen nun Ärgernis an seiner hohen Künst-
lerschaft nehmen. Das grosse, einen ganzen Block ein-
nehmende Haus ist aus Werkstein gebaut. Es musste
darauf Rücksicht genommen werden, dass die Besitzerin
in der Lage sein wollte, bei eventuell eintretender Ver-
anlassung die Büroabteilungen in ihrer Ausdehnung und
Zusammengehörigkeit zu verschieben. Um dazu freie
Hand zu lassen, sah Behrens viele Fenster vor. Dadurch

können leicht neue Räume geschaffen werden. Die
Düsseldorfer sind nicht gewöhnt, dass ihre grossen
Bauten von innen nach aussen gedacht werden, sondern
an das Umgekehrte. Das erste ist da immer die prunk-
volle Fassade. Die Verwunderung des Publikums im
Falle des Behrenshauses hält sich ans Morphologische.
Es nennt es „das Haus mit den tausend Fenstern".

Nachdem die zahlreichen Fenster logisch gegebenes
Faktum geworden waren, mag als künstlerische Folge
die Konzeption des Hauses als reiner Wandbau ge-
kommen sein. Behrens kam zur konsequenten Aus-
bildung der Fläche als solcher, er gliederte nicht durch
Gerüstformen, sondern durch die natürlichen Öffnungen.
Diese malerische Architektur ist von enormer räum-
licher Wirkung. In sich ist sie von starker Ruhe. Eine
helle, wohlaccentuierte Werksteinfläche, vier stolze Eck-
bewegungen und Ecklinien, der weite Wurf der Hori-
zontalkante unter dem ungebrochenen, steilen Schiefer-
dach. Die koloristische Wirkung dieses Hauses in der
hellen Rheinlandschaft ist ausgezeichnet. Es steht da
wie ein Programm, zeigt, wie hüben und drüben
Düsseldorfs gebaut werden müsste, damit der Rhein in
die Stadt hineinbezogen wird. So fliesst er, wenn auch
zwischen Alt- und Neudüsseldorf hindurch, ewig ausser-
halb. -

In Konkurrenz mit dem Sonderbund ist es der Stadt
Düsseldorf gelungen, die Sammlung Nemes für diesen
Sommer zur Ausstellung zu bekommen. Es ist inter-
essant, zu sehen, wie die Anregungen des Sonderbundes
nun im Trüben aufgefischt werden, nachdem man ihm
dazu das Wasser abgegraben hat. Da man den Kunst-
palast zu der oben erwähnten Städtebau-Ausstellung
benötigt, will man die Sammlung in der Städtischen
Kunsthalle unterbringen. Man wird diese wohl ganz aus-
räumen müssen, aber das will man gerne in den Kauf
nehmen. Und für 400000 Mark Bilder dazu.

Wie verlautet, musste sich die Stadt zu Erwer-
bungen aus der Sammlung Nemes im Betrage der eben-
genannten Summe verstehen. Diese Ankaufsklausel
ist von Wichtigkeit und geeignet, mit ihr einmal die
Pläne der Verwaltung etwas abzuklopfen. Es scheint,
dass in Düsseldorf wieder etwas von Grund auf ver-
fahren werden soll. Die Geldsammlung, die hinter der
im Aprilheft besprochenen Aktion ziels Ausgestaltung
der Gemäldegalerie kam, hat bis jetzt über eine Million
Mark ergeben. Man könnte also eigentlich, und müsste
schon mit den Arbeiten beginnen, wenn man bis zum
festgesetzten Termin des Jahres 1915-, zur Jahrhundert-
feier der Zugehörigkeit zuPreussen, etwas gethan haben
will. (Wie mir ein Kenner dieser Materie sagte, wird
man bis dahin wohl vier Millionen Mark zur Ver-
fügung haben). Das sieht man anscheinend auch ein,



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