Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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NEUE BUCHER

BESPROCHEN VON EMIL WALDMANN

Kandinsky: Über das Geistige in der Kunsr.
Insbesondere in der Malerei. München 1912.
R. Piper & Co. Verlag.

Der Hauptteil dieser Schrift enthält eine Unter-
suchung über die Wirkung der Farbe, über Formen- und
Farbensprache. Eine Art Harmonielehre der Malerei,
mit einer Reihe interessanter Beobachtungen und That-
sachen, besonders über die physische und psychische
Wirkung der sechs Hauptfarben, sowie Ideen zu einer
Lehre von der Farbe als Kompositionsmittel. Wohl
dürften manche Behauptungen sich als recht vage er-
weisen und im allgemeinen muss man meines Erachtens bei
einer Untersuchung über Farbenwirkungen die Rolle
der Assoziationen noch mehr ausschalten, als es hier
geschehen ist. (Dass Gelb zum Beispiel sauer wirkt, weil
man dabei an die Säure der Zitrone denkt — dergleichen
Wege führen weit ab vom Problem.) Aber trotz allem ist
dieses Kapitel doch lehrreich und kann fruchtbar werden,
wenn man die hier ausgesprochenen Lehren als das
nimmt, was sie im Grunde sind, als akademisches Hand-
werkszeug. Es ist immer ein erfreuliches Zeichen, wenn
aus den Reihen der jungen Künstler selbst die Forderung
nach dem Besitz einer brauchbaren Grammatik ihrer
Sprache erhoben und erfüllt wird. Ganz neu ist übrigens
diese Art von Formalästhetik auch nicht. Wer Carl
Neumanns „Rembrandt" und Meier-Gräfes Bilderana-
lysen gelesen hat, wird auf ähnliche Probleme geführt,

wenn auch auf weniger abstraktem,weniger theoretischem
Wege. Und ich könnte noch manche andre neuere
Untersuchung nennen, zum Beispiel die Hallenser
Habilitationsrede vonjantzen. Doch es kommt ja gar
nicht darauf an, dass die Fragestellung ganz neu ist,
sondern dass sie überhaupt einer Lösung entgegengebracht
wird. Nur darin scheint mir ein Irrtum zu liegen, dass
man meint, von solchen bis zu gewissem Grade lehr-
baren und lernbaren Dingen könne das Heil der Zukunfts-
malerei abhängen. Ghirlandajo und Perugino haben sich
immer mit diesen Fragen beschäftigt, gewiss; und das
macht ihren Primitivismus so anziehend. Aber Raffael
hat sich ebensosehr damit befasst und hat gerade auf
diesem Gebiete ungeheuer viel Grösseres „erfunden"
als seine Meister. Nur hat ers nicht überschätzt und
hat nicht das Mittel zum Zweck erhoben. Über das
Geistige aber in der Kunst kann man ebensowenig gute
Bücher schreiben, wie über das Mystische. Der Künstler
hat es, oder er hat es nicht. Da hilft kein Beten und
keine Theosophie. Das müssen die Werke allein äussern.

A.Lichtwark. DeutscheKönigsstädte. Zweite
Auflage. Berlin. Bruno Cassirer. 1912.

Wer auf der Städtebauausstellung in Berlin vor zwei
Jahren einen Augenblick Zeit hatte, sich vorzustellen,
wo die Anfänge dieser grossen Bewegung liegen, der
dachte dankbar an Lichtwarks,, Königsstädte", dieses Buch,



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