Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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DIE AUSSTELLUNG DES DEUTSCHEN KÜNSTLERBUNDES

IN BREMEN

von GUSTAV PAULI

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*J*J(Tnter allen Aufgaben der Kunstschriftstellerei
IW*' scheint mir die Kritik einer Ausstellung die
\~/'-U, fatalste zu sein. Sie mutet dem Mann der Feder
ernstlich genommen Übermenschliches zu: dass er sein
Licht über die Gerechten und die Ungerechten scheinen
lasse, dass er sich ah Richter über den Richterspruch einer
Jury von angesehenen Künstlern setze, dass er dabei
einem jeden das Seine gebe, dem einen eine ehrfürchtige
Verbeugung, dem andern ein Lächeln des Beifalls, dem
dritten einen Händedruck und dem vierten einen Fuss-
tritt — alles symbolisch und in der wohlanständigen
Form wie sie einem Richter geziemt. Dabei muss er
sich ferner ehrlicherweise gestehen, dass die Künstler
ihn zwar dringend herbeiwinken, aber ohne seine richter-
liche Autorität anzuerkennen. Sein Lob sagt dem Ge-
lobten nichts Neues, so hoch es auch tönen
mag* und sein Tadel sagt dem Getadelten
immer etwas Verkehrtes. Dankbar sind ihm
eigentlich nur jene Bescheidenen, die aus
seinem Gedruckten eine unerwartete Aner-
kennung mit der Scheere herausschneiden,
um sie in gewinnsüchtiger Absicht zu ver-
senden. Ihr Beifall kann den Kritiker nicht
mit Befriedigung erfüllen.

Alles dieses vorausgeschickt, möchten die
nachfolgenden Bemerkungen am liebsten als
der Monolog eines müssigen und unmassgeb-
lichen Ausstellungsbesuchers aufgefasst wer-
den. Abgesehen von der geschäftlichen Seite
des Unternehmens bezweckt eine Ausstellung
wohl zweierlei: zu informieren und anzuregen.
Beides läuft nicht ganz auf dasselbe hinaus.
Beispielsweise wird eine Ausstellung um so
anregender sein, je mehr sie in planvoller Zu-
sammensetzung einer bestimmten künstle-
rischen Absicht Ausdruck giebr. Dagegen
wird eine Ausstellung den informatorischen
Zwecken am besten dienen, wenn sie in einem
Querschnitt das Nebeneinander der ver-
schiedenartigen Bestrebungen ihrer Zeit auf-
weist. Von solcher Art sind die Künstler-
bundausstellungen, die ausdrücklich auf jedes
Programm verzichten und eine Grenze nur
für den Weit der künstlerischen Leistung
ziehen. So ist auch die Bremer Ausstellung.
Hier hängt Stuck neben Liebermann, Trübner

*) Larochefoucauld 203: Quelque bien qu'on
nous dise de nous, on ne nous apprend rien de
nouveau.

neben Brockhusen und Richard Müller nicht weit von
Max Pechstein. Man wird es wieder einmal gewahr,
wie merkwürdig zerrissen die künstlerische Thätigkeit
unserer Zeit ist. Wann wohnten jemals so scharfe Gegen-
sätze nebeneinander? Wohl nur in Zeiten grosser kul-
tureller Krisen, in denen die Mächte der Vergangenheit
und der Zukunft in tausend Umklammerungen mit ein-
ander rangen.

Wir sehen in Bremen die schmiegsamen Virtuosen
eines an historischen Mustern geschulten gefällig deko-
rativen Geschmacks, wir sehen zahme Akademiker, die
immer etwas Zeitloses und Unpersönliches haben, wie
fade Schemen aus andern Welten, die sich von Gespen-
stern nur dadurch unterscheiden, dass sie Niemanden
in Schrecken setzen. Wir sehen vereinzelte Nachzügler

MAX LIEBERMANN, SELBSTBILDNIS

AUSSTELLUNG DES DEUTSCHEN KÜNSTLERBUNDES, BREMEN

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