Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

Page: 320
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1912/0338
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
ssssaei

UNSTAUSSTEL LUNGEN

WIEN

In Wien hat man sich wieder ein-
mal aufgeregt, und zwar über die Nor-
ffflwesrer im Ilagenbund, In der Faschings-
zeit. Trotz. Schiele und Kokoschka, die nachgerade
die Wiener gegen Nervenschoks immun gemacht haben
neue vVien is

verbunden, befruchtender wirken als die vielen Kunst-
akrobaten, denen man besonders in Wien gern willig
Beifall spendet.

Bemerkt sei noch, dass mit dieser Ausstellung nicht
eine Repräsentation des gesamten gegenwärtigen Kunst-
schaffens in Norwegen, sondern hauptsächlich das Stre-
sollten. Nun ja, das neue Wien ist innerlich eben ben der jüngeren norwegischen Künstler zur Anschau-
noch immer die alte Stadt an der sagenhaften „blauen" ung gebracht werden soll. Das Ausstellungskomitee,
Donau mit der offiziellen und offiziösen Hätschelung des unter Vorsitz des Direktors der Königlich Norwegischen
— ach! — so süssen Kirsches, der preisgekrönten Minder- Nationalgalerie in Kristiania, Herrn Jens Thiis, dachte
Wertigkeit. sicn wohl, und das ganz richtig, dass es keinen Zweck

Die Ausstellung enthält gewiss viel Unzulängliches, hätte zu zeigen, dass es, wie überall in der Welt, auch
Unklares, Ungeschicktes, Wirres und irgendwoher Ge- in Norwegen konservative Maler giebt. Auf diese Weise
borgtes, aber auch einiges, das kunstmässig gelungen, gelangten, noch dazu unter staatlicher Patronanz, die
das stark, rein, neu und schön ist. Manche der Maler sind „Jungen" zu uns (ein nachahmenswertes Beispiel), wo
noch fremden, hauptsächlich französischen, Einflüssen sie, die vermeintlichen „Barbaren aus dem Norden",
unterthan, manche sehen wir in einen Kampf um die Be- bessere Europäer sind als wir.

freiung ihrer Persönlichkeit ver-
strickt, einzelne haben die Kraft,
ernst und gelassen die innere Not-
wendigkeit ihres Schaffens durch
ihre Werke zu erweisen. Zu die-
sen letzten gehören — nach meiner
Empfindung — Edvard Munch,
dieser spezifisch norwegische Ma-
ler schwer lastender Stimmungen,
Severin Grande, dessen „Junges
Mädchen" mehr ist als die, von
Wiener Malern viel bewunderte,
meisterlicheLösung eines schwie-
rigen koloristischen Problems, da
es eine ergreifende Darstellung
des in sich Hineinlauschens ist;
ferner Henrik Sörensen, Per
Krogh, Arne Kavli, Ludwig
Karsten, Nikolai Astrup und Oluf
Wold Torne. Wer sich unbeirrt
mit aufgeschlossenen Sinnen vor
die Bilder der genannten Maler —
einige hier nicht genannte wird
er ihnen nach eigenem Geschmack
noch gesellen können — hinstellt
und wartet, bis sie auf ihn zu
wirken beginnen, wird ihnen
Kunstwert und die Fähigkeit
seelischer Kraftübertragung nicht
abstreiten können. Es ist kein
Genie unter diesen Norwegern,
es sei denn ein latentes, aber es
sind durchweg Männer, die, in
geheimnisvoller Weise mit aller-
lei Hinter- und Vorweltlicem

EDV. MUNCH, BILDNIS DES SCHRIFTSTELLERS GIERSLÖFF

AUSGESTELLT IM WIENER HAGENBUND

3 zo

Eine Ausstellung „Französi-
scher Meister" veranstaltete die
Galerie Miethke. Von den dreissig
Gemälden waren zehn Meister-
werke, die übrigen zwanzig Werke
von Meistern wieCourbet, Manet,
Renoir, Monet, Pissarro, Sislev
und Cezanne. Manets Bildnis sei-
ner Frau ist koloristisch eine Deli-
katesse, in der Grün, Grau, Rot,
Violett und Blau entzückend
harmonisiert sind. Wundervoll ist
auch die von Monet 1876 gemalte
„Lektüre im Freien". In diesen
und einigen anderen Bildern von
Pissarro und Sisley ist eine in
Wien ungewöhnlich anmutende
Malkultur enthalten. Etwas Ele-
mentares ist dagegen in Cezannes
Bildern, namentlich in einem
„Knabenbildnis" und im Bildnis
der Frau des Künstlers. Courbets
grosses Gemälde „Die Ringer" ist
eine Arbeit von altmeisterlicher
Tüchtigkeit, die jedoch in der
Nachbarschaft der andern Werke
fast akademisch wirkte.

Die Galerie Arnot führte eine
Kollektion englischer Aquarel-
listen vor, die sehr vornehm, sehr
kultiviert, aber auch ein wenig
fade wirkte.

Im Kunstsalon Heller stellte
sich Charlotte Behrend den Wie-
nern mit einer Kollektion vor.

»k
loading ...