Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

Page: 624
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1912/0642
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
NEUE BÜCHER

BESPROCHEN VON EMIL SCHÄFFER

Ulmer Kunst. Im Auftrage des Ulmer L eh rer-
vereins herausgegeben von Julius Baum. Stutt-
gart und Leipzig. Deutsche Verlagsanstalt 1911.

Solche Bücher müsste jede deutsche Stadt heraus-
geben, die sich einer alten Kunst-Tradition rühmen
darf, und wenn der Magistrat knausert, sollte sich, wie
eben in Ulm, ein Verein finden, der die Kosten trägt, —
und wäre es auch nur einer zur Hebung des Fremden-
verkehrs. Spottbillig gleich diesem Bande müssten all'
jene Bücher sein, in vielen Tausenden von Exemplaren
durchs Land flattern und ihrer schlichten, aber darum
nur um so eindringlicheren Sachlichkeit würde es
leichter gelingen, überall Freude am Eigenen zu wecken,
die Deutschen zur deutschen Kunst zu bekehren als
dem sentimentalen Pathos gewisser kunsthistorischer
Wanderprediger. Nahezu hundert vortreffliche Re-
produktionen, unter denen man nur die Angabe der
Maasse ungern vermisst, machen uns hier mit den Haupt-
werke jener Meister bekannt, die Ulms Malerei und
Plastik geschaffen oder zur Grösse geführt haben. Diesen
Abbildungen hat Julius Baum, einer der besten Kenner
des Ulmer Kunstschaffens, eine ausgezeichnete Einlei-
tung vorausgeschickt, die neben der vollständigen Be-
herrschung des Stoffes Baums ehrliche Freude an der
schwäbischen Kunst bekundet, eine Liebe, die ihn so-
gar zur Ungerechtigkeit gegen die fränkische verleitet.
Oder ist Dürers „Holzschuher" wirklich „wegen seiner
Tüftelei so schwer geniessbar?" Mir wenigstens scheint
es schwerer geniessbar, wenn man statt eines altherge-
brachten Lehnwortes wie „Pieta" das entsetzliche „Er-
bärmdebild" lesen muss, mehr Tüftelei, wenn man
„Apostel" mit „Zwölfböte" übersetzt. Martin Luther

hat unbedenklich von Aposteln gesprochenund deutscher,
meine ich, als dieser deutscheste Mann braucht doch
selbst ein Spezial .... pardon, ein Sonderforscher für
schwäbische Kunst nicht zu sein.

Casimir v. Chledowski. Der Hof von Fer-
rara. Mit 36 Vollbildern. Autorisierte Übersetzung
aus dem Polnischen von Rosa Schapire. Verlag Julius
Bard. Berlin 1910.

Die polnische Original-Ausgabe dieses Werkes hat
im „Giornale storico della letteratura italiana" ein sehr
berühmter Gelehrter mit einer unfreundlichen Kritik
bedacht, die in der Frage gipfelte, wen solche Bücher,
die unsere Kenntnis des Thatsächlichen nicht bereichern
und hinter denen auch keine starke Persönlichkeit steht,
denn eigentlich interessieren. Rodolfo Reniers Frage
lässt sich leicht beantworten. Es giebt nämlich Men-
schen, die dem verödeten Ferrara, seinen langsam
bröckelnden Palästen und dem Gigantentrotz des esten-
sischen Kastelles unvergessbare Stimmungseindrücke
danken, oder andere wieder, die Goethes „Tasso"
lieben, Byrons „Parisina", Mayers „Angela Borgia" ge-
lesen haben und in Galerien gern vor den Gemälden
der Ferraresischen Maler stehen bleiben. Sie alle möchten
wohl gern etwas über diese Stadt, ihre Tyrannen, ihre
Dichter und ihre Maler wissen, können aber diesem
Wunsche nicht so viel Zeit opfern, wie es etwa das
Studium der fünf dicken Bände von Frizzis „Memorie
per le storia di Ferrara" erfordert. Und diese Unge-
lehrten, die belehrt sein und doch auch dabei ein immer
fesselndes, auf keiner Seite langweilendes Buch lesen
wollen, sie dürften Chledowski für sein reizvolles und
von Rosa Schapire vortrefflich übersetztes Werk gewiss

624
loading ...