Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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CHRONIK

KLEINES SKIZZEN BUCH

VON

CHRISTIAN MORGENSTERN

I.

Würde ich wohl mit eben solcher Leidenschaft
sehen, wenn ich selbst - Maler wäre? Wer weiss es.
Das eine nur weiss ich: ich würde die Natur fassen,
wo ich sie fände, und ich weiss nicht, wo ich sie nicht —
fände. Ich würde nicht erst vors Thor gehen, geschweige
in andere Gegenden, ich würde gar nicht herauskommen
aus meiner nächsten Umgebung, aus diesem von mir
oft und meist so ganz verwünschten und doch malerisch
namenlos reizvollen, reichen, ja unerschöpflichen Berlin
mit seiner immer wechselnden Stadtatmosphäre, seinen
Stadtbahndämmen, seinen mächtigen Strassenzügen,
seinem schmutzigen Gedränge bei Regenwetter, seinen
lebenden Kinematographien, durch die Riesenscheiben
der Cafes gesehen, seinen Abendstimmungen über
Reichstag und Brandenburger Thor, seinen so mannig-
fach gemischten Lichteffekten im Wasser, im Dampf,
im nassen Asphalt, im Strassendunst, vom Einbruch der
Dämmerung bis zum Aufgang des Mondes. Dieses Iri-
sieren der Flussoberfläche in den letzten Krisen des
Lichts, diese zuckenden Schwerter im Strom, von roten
oder gelben Brückenlaternen ins Wasser geschlängelt,
diese bleichen Monde der Bogenlampen in schwarz-
glänzend spiegelnder Feuchte — es giebt kein Aufhören
der Bewunderung für liebende Augen.

Die zwei halbjährigen Teckel da vor mir — wie sie
schön sind in ihrer jungen Natürlichkeit und in ihrer
Zärtlichkeit zu einander. Nichts Niedlicheres, als wenn
das Männchen dem Kameraden mit seinen Augen folgt
oder wenn das Weibchen ihm den Kopf auf den Rücken
legt voll Anmut und Anschmiegebedürfnis. Und wel-
ches Wohlgefühl des Lebens, wenn sie so, die Nase
dicht am warmen Moos, die sommerdurchwärmte Wald-
luft einsaugen mit ihren vielfältigen Reizen, von denen
wir nur einen groben Begriff haben. Und welche stets
rege Teilnahme an all den lauten und leisen Tönen, die
eine Landschaft fortwährend erfüllen und beleben!

II.

Vor einem halbbeschneiten Berge: So ist mancher
von uns halb noch im Schnee der Kühle, Kälte. Dann
taut die Sonne den Schnee weg, aber in diese und jene
Grube vermag sie nicht vorzudringen; weisse, unvertilg-
bare Flächen bleiben zurück: nie werden wir ganz frei
von jedem Reste von Lieblosigkeit, nie ganz Liebe —
solang wir noch dieser Berg sind.

Wie mancher Steinregen im Hochgebirge verdankt
dem Klettern einer Gemse seinen Ursprung. Dies be-
denke auch du, der du auf Gedankenbergen herum-
kletterst und — freue dich dessen oder mach dir Vor-
würfe darüber, oder beides zugleich, je nachdem du
geartet bist.

«■

Wenn du die Lage einer Hütte auf einem Berge
betrachtest, so machst du leicht deinen Standpunkt zu
dem ihrigen, uneingedenk dessen, dass sich die Welt
von da droben ganz anders ausnimmt als von dir aus.
Ja, dies verhält sich bis zu einem gewissen Grade selbst
dann noch so, wenn du dich mit aller Einbildungskraft
auf ihren Standpunkt zu versetzen bemühst. Um einen
Standpunkt ganz verstehen und würdigen zu können,
muss man diesen Standpunkt selbst einnehmen oder
wenigstens einmal eingenommen haben. Aus diesem
Grunde lasse sich alles Göttliche nicht eigentlich beur-
teilen, es sei denn von Menschen, die in persona im
Übermenschlichen zu verkehren vermögen.

Du siehst in etwa hundert Meter Entfernung einen
Mann Holz spalten. Das auf den Hackblock geschmet-
terte Scheit sinkt bereits nach links und rechts aus-
einander, — da erreicht dich erst der Schall. So mögen
wir die Welt ein halbes Leben lang betrachten, bis wir
das Wort vernehmen, das zu ihr gehört, die Seele, die
aus ihr redet.

«■

Wie wundersam ist es, das Auge von einem schönen
Buch, in das man versunken war, zu einer schönen
Landschaft zu erheben. Der kurze Übergang aus
chiffrierter Geisteswelt in symbolische, dieser jung-
fräuliche Augenblick unberührten Staunens, ist einzig.

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