Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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KüPF DES PEIRITHOAS AM WESTGIEBEL DES ZEUSTEMPELS ZU

OLYMPIA. ETWA 460. MUSEUM ZU OLYMPIA

PHOTOGR. PAPAIANNOPULOS



KUNSTLERISCHE PROBLEME
IN DER VORKLASSISCHEN PLASTIK

VON

EMIL WALDMANN

IL

Wie sich seit dem Anfang des Jahrhunderts die
Freistatue entwickelt hat, lehrt die Figur des
Oinomaos aus diesem olympischen Giebel (Abbil-
dung S. 156). Noch wiegen die Prinzipien des
architektonischen Aufbaus vor, aber das plastische
Leben der Einzelform ist schon von grosser Bedeu-
tung, die Glieder sind in spielender Beweglichkeit
gelöst und es geht ein feiner Schwung durch die
Gestalt, der Fluss der Linien hat schon etwas
Rhythmisches, sie gleiten in feiner stiller Melo-
die. Das grosse Problem dieser ganzen Periode ist
ja die Rhythmisierung, man kann die Eroberung
dieser Aufgabe Schritt für Schritt verfolgen. In

(Schluss)
dem Poseidon aus dem Anfang des Jahrhunderts
(Abbildung S. 51) ist es angedeutet, aber zaghaft
und äusserst vorsichtig, ebenso wie in der schönen
Marmorfigur von der Akropolis (Abbildung S. 40).
Einen grossen Schritt weiter bedeutet dann jene
Kunst, für die uns die Kopie einer Bronzestatue im
Nationalmuseum in Athen (Abbildung S. 161) als
Repräsentant gelten möge. Wenn auch hier die alte
Strenge der Haltung, der Trotz in den Schultern
noch nicht gebrochen ist, der Aufbau des Ganzen
ist nichtsdestoweniger von den Gesetzen der Har-
monie, der Eurhythmie, diktiert, die Ponderierung
der Gestalt verrät ein entwickeltes Gefühl für das

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