Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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DER SAMMLER

VON

ALFRED LICHTWARK

|ic Deutschen haben in den letzten Mcnschen-
f) altern manche Eigenschaften und Neigungen
entwickelt, die sie selbst nicht zu besitzen glaubten,
und die ihre Nachbarn ihnen nicht zutrauten. So
sind sie auch in anderrn Sinne Sammler geworden,
als ihre Väter und Grossväter es waren. Aber die
Empfindungen, mit denen der Sammler in Deutsch-
land heute noch angesehen wird, und die Urteile
über die Sammclthätigkeit, denen man noch be-
gegnen kann, beweisen, dass es gar nicht über-
flüssig ist, die Bedeutung und den Wert der Sam-
mclthätigkeit zu prüfen.

# *

"Was man von einem Stück Weltgetriebc wahr-
zunehmen vermag, hängt vom Standpunkt ab, den
man wählt, und von der Ausbildung der Augen,
mit denen man sieht.

Thätigkeit und Wirkungsgebiet des Sammlers
lassen sich in ihrer Ausdehnung und ihren Be-
ziehungen zu den Nachbargebieten am klarsten
erkennen und überschauen vom Standpunkt und

durch die Bcobachtungsmittcl des Volkswirts. Der
Beobachtungsposten des Sammlers selbst bietet kei-
nen Abstand, der des Kunsthistorikers birgt die
Gefahr der Einseitigkeit, und Sammler wie Kunst-
historiker könnten in den Verdacht kommen, in
eigener Sache zu fechten; auch der Standpunkt des
Kunsthändlers, der durchaus in Betracht kommt,
lässt nicht das Ganze erkennen und erweckt Vor-
urteile gegen das Ergebnis.

Dem ist der Volkswirt nicht ausgesetzt, denn
die Kunst liegt ihm nicht näher als andere Lebens-
gebiete.

Er wird mit der Untersuchung des Gegen-
stands der Sammclthätigkeit, des Kunstwerks, be-
ginnen.

Von allen anderen Erzeugnissen der Menschen-
hand unterscheidet sich das Kunstwerk durch die
ungeheuren Abstände seiner Bewertung. Vier
Quadratfuss bemalter Leinwand sind das eine Mal
nicht mehr wert als die Leinwand im verdorbenen
Zustand, ein andermal Tausende, ein drittes Mal

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