Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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CHRONIK

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udwisi Pietsch ist im siebenundachtzir?sten Lebens-
jähre gestorben. ImTodenoch hat er einenTriumph
erlebt: es hat sein Geist, der echte Pietschgeist, Ein-
fluss auf viele seiner Nekrologschreiber zu gewinnen ge-
wusst. Man hat den im Leben Bespotteten im Tode
nun mit manchem „Trotzalledem" sanft verherrlicht.
Wir wünschen keineswegs um Pietschens Leichnam zu
streiten, wie die Griechen und Trojaner um Patroklus
stritten; aber uns scheint, dass Pietsch kein anderer
geworden ist, nur weil er nicht mehr in diesem von
ihm so sehr geliebten und ohne Ausschweifung ge-
nossenen Leben weilt. Er war aber dieses: ein pro-
fessionsmässiger Maler mit einem sehr kleinen Talent,
der nicht etwa Kunstschriftsteller wurde, weil die Ein-
sicht in das Wesen der Kunst bedeutender war, als die
Produktivkraft, sondern der auch als Kritiker immer
nur vom Niveau seines banalen Könnens aus geurteilt
hat. Eine Natur, ohne einen Tropfen vom Geblüte
Faustens, zufrieden im Alltäglichen, gern lebend und
gern leben lassend und nur das höhere Bestreben,
das in die Tiefe Zielende verspottend, unentwegt, bis
an die Grenze der Neunzig! Ein Allerweltslober, und
darum so recht der Zeitungsmann, wie ihn sich die
Künstler wünschen, einflussreich, weil er stets die In-
stinkte der liberalen Grossstadtphilister aussprach und
weil er in einer Zeit lebte und wirkte, wo die schlechte
Kunst unumschränkt war. Wir halten es für eine Ge-
sundung, dass heute Kunsturteile des Publizisten nicht
mehr so viel gelten, wie sie zu Pietschens Glanzzeit
galten. Denn es ist ein besserer Zustand, wenn produk-
tive Künstler in erster Linie die Wertungen in der Kunst
bestimmen. Der Geist Pietschens wird freilich nicht
aussterben, solange die Tagespresse ist wie sie ist; aber
der Einfluss dieses Geistes ist ein für alle Mal nun
relativer geworden. In diesem Sinne ist mit Pietsch
eine Epoche begraben worden. Er war kein schlimmer
Mensch ; er war im Grunde eine liebenswürdige Philister-
natur. Aber wenn er auch nichts Böses gewirkt hat, so
hat er doch manches Gute gehindert und gestört. Er
war ein schlechter Kunstrichter. Das auch dem Toten
noch nachzurufen darf keine Sentimentalität uns hin-
dern; die Ehre der Kunst fordert diese Konstatierung.
Die Ehre jener Kunst, von der es heisst, sie sei lang,
das Leben aber kurz.

Erklärung.
In Mannheim hat der Rechtsanwalt Th. Alt ein
Buch erscheinen lassen, das „Die Herabwertung der
deutschen Kunst durch die Parteigänger des Impressio-
nismus" heisst. Es werden darin, wie der Titel schon
verrät, eigentlich alle guten Künstler und alle auf dem

Gebiete der Kunstpropaganda produktiven Persönlich-
keiten unserer Zeit angegriffen und verdächtigt. Im
übrigen besteht der fünfhundert Seiten starke Band aus
molluskenhaften Kunsttheorien, die wieder einmal zei-
gen, dass sich das Dumme und Falsche ebensowohl be-
weisen lässt, wie das Richtige. Das nebenbei. Es ist in
dieses Buch aber leider auch die üble Rechtsanwaltssitte
gedrungen, die darin besteht, Zeugen der Gegenpartei
zu entwerten oder ihre Aussagen durch geschickte
Plaidoyerkünste anders erscheinen zu lassen, als sie sind.
In diese letzte Situation ist unser Mitarbeiter Dr. Her-
mann Uhde-Bernays geraten, da Th. Alt ihn, den Anti-
poden, gewaltsam zu einem Eideshelfer seiner jämmer-
lichen Kunstdoktrinen zu machen gesucht hat. H. Uhde-
Bernays schickt uns darum den folgenden offenen
Brief. Die Red.

Ei, welch ein Einfall dir kommt! Du richtest die

Kunst mir, zu schreiben,
Eh du selber die Kunst, Bester, zu lesen gelernt.
Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt!

In Ihrer soeben erschienenen Tendenzschrift, „die Herabwer-
tung der deutschen Kunst durch die Parteigänger des Im-
pressionismus" nehmen Sie, soweit ich feststellen kann, drei-
mal Gelegenheit, aus meinen Arbeiten Stellen herauszureissen
und zur angeblichen Unterstützung Ihrer Meinungen heran-
zuziehen, die nur im Zusammenhang betrachtet und wieder-
gegeben werden durften. Indem Sie meine Ausführungen nur
insoweit zitiren, als sie Ihnen genehm sind, indem Sie sie aus
einem kritischen Einwurf verallgemeinern oder zur These ver-
drehen oder sie der bestimmenden Vor- und Nachsätze berauben,
geben Sie ihnen einen Sinn, der meinen Anschauungen voll-
kommen widerspricht. Auf Grund dieser unwissenschaft-
lichen Methode kann ein unbefangener Leser zu dem
Glauben verleitet werden, als seien die Zwecke, die Sie mit
Ihrer Schrift verfolgen, auch die meinigen. Ich sehe mich
daher veranlasst gegen eine solche Interpretation Ein-
spruch zu erheben.

Am liebsten möchte ich die Papiermasse Ihrer Schrift mit
ihren zahllosen „Irrtümern" ihrem Schicksal überlassen und nur
bedauern, dass ein verdienstvoller Museumsleiter wie Dr. Wiehert
es ist — wohl der Einzige, dem Ihre Schreiberei vielleicht Un-
bequemlichkeiten schafft—, gerade in der Stadt, um die er
sich verdient macht, derartigen Undank erfahren muss. Da
Sie aber in der zweiten Hälfte, besonders am Schluss Ihres
Buches trotz aller verschleierten Ausdrucksweise hier und da
deutlich werden und alle die Männer, denen ich die ausschliess-
liche Priorität zugestehe, in künstlerischen Dingen in Deutsch-
land mitzureden, und ihre von mir durchaus anerkannten Ab-
sichten nicht etwa sachlich angreifen, sondern tendenziös herab-
würdigen, da Sie also eine Schmähschrift stärkster Art haben
drucken lassen, zwingen Sie mich zu einer Erklärung. Ohne
sonst den Inhalt Ihres Buches zu berühren, besteht
diese ganz einfach in dem Ersuchen, meine Aufsätze
genau in dem Sinne zu zitieren, in dem sie ge-
schrieben sind.

Sie können sich nicht berufen auf ein Miss verstehen meiner
Arbeiten. Ein Teil meiner kleineren Aufsätze über moderne
Kunst ist im „Mannheimer Generalanzeiger" erschienen. Ich
habe an der Hand derselben allen Grund, darauf hinzuweisen,
dass ich zu den sehr wenigen süddeutschen Kunstschriftstellern
gehöre, die, konsequent von Anfang an und keinem Kom-
promiss zugänglich, die Bedeutung der impressionistischen Kunst
vertreten. Wenn ich, entsprechend eigener Veranlagung, dem

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