Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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nicht rasch begriff und nur mühsam sprach, so dass
sie bei vielen Spottlust weckte. Die Tante suchte sich
durch das verdienstlich zu machen, was man „auf
die Klingel achten" nennt. Und sah sie nun Vincent
kommen, dann schnellte sie, so hurtig ihre alten Beine
es zuliessen, nach der Strassenthür, um ihn mit einem
„Morgen, meheer van Gort" willkommen zu heissen.

„Mendes", sagte Vincent dann häufig, „immer
noch spricht Eure Tante meinen Namen so fremd
aus. Es ist eine gute Seele, ich mag sie gern."

Da ichs in jenen Tagen nicht gar so eilig hatte,
blieb er öfters auch nach der Lektion da, um zu
plaudern und natürlich gings da häufig um seinen
früheren Beruf: den Kunsthandel. Er hatte aus
diesen Tagen wohl noch einige Bildchen übrig,
Lithographien nach Gemälden und so Ahnliches.
Wiederholt hat er mir eins davon mitgebracht, aber
stets total verdorben, weil er die weissen Ränder
mit Zitaten aus Thomas a Kempis und aus der Bibel
buchstäblich vollkritzelte, die auf den dargestellten
Stoff mehr oder minder Bezug hatten. Einmal hat er
mir sogar ein Exemplar von „De imitatione Christi"
zum Geschenk gemacht, aber keineswegs mit der stil-
len Nebenabsicht, mich zu bekehren; er wollte mich
allein das Menschliche darin kennen lernen lassen.

Keineswegs konnte ich, wohl ebensowenig wie
jeder andere und er selbst, in jenen Tagen ver-
muten, dass im Innern dieser Seele der Kern zum
künftigen Farbenvisionär lag. Nur an das Folgende

erinnere ich mich: stolz darauf, dass ich so was
für meine selbstverdienten Pfennige thun konnte,
hatte ich auf meiner Stube einen mindest fünfzig
Jahre alten, bis auf den Faden verschlissenen
Smyrnateppich durch eine sehr bescheidene, aber
frische Kuhhaardecke ersetzen lassen.

„Mendes", sagte Vincent, als er das sah, „das
hätte ich nicht von Euch gedacht! Findet Ihr das
nun wirklich schöner, als die vorigen verschossenen
Farben, in denen so viel lag?" Und Mendes schämte
sich; er fühlte, dass der wunderliche Junge rechthatte.

Ein kleines Jahr hat unser Umgang gewährt.
Dann war ich überzeugt, dass er niemals das ge-
wünschte Examen erreichen werde. Es ist darum
unrichtig, wenn Frau du Quesne behauptet, er habe
in wenigen Wochen das Latein und Griechisch
unters Knie gebracht und ebensowenig, dass Vin-
cent damit erst in jenem Zeitpunkt aufgehört hat,
als er seine eigentlichen Studien an der Akademie
hätte beginnen sollen. Nein, mindestens ein Jahr,
bevor selbst bei der grössten Anspannung seinerseits
davon hätte die Rede sein können, habe ich in
vollkommener Übereinstimmung mit dem Wunsche
Vincents seinen Onkel dazu gebracht, ihn aufhören
zu lassen. Und so ist es auch geschehen.

Nach unserm herzlichen Abschied, bevor er in
das Borinage ging, habe ich ihn nicht wieder ge-
sehen. Ein Brief von dort an mich und meine Ant-
wort an ihn . . . hernach nichts mehr.



VINCENT VAN GOGH, STILLLEBEN

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