Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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PARIS

Unter der Bezeichnung Academie Moderne hat sich
eine neue Malschule gebildet (86, rue Notre-Dame-des
champs), der einige bedeutende Kräfte Jung-Frankreichs
als Lehrer vorstehen, nämlich Othon Friesz, Ch. Guerin,
Pierre Laprade, denen sich der deutsche Eugen Spiro
zugesellt hat. —

Wir sind in der erfreulichen Lage, zwei Porträt-
arbeiten von Renoir wiederzugeben, die bisher nur den
Kennern der grossen französischen Privatsammlungen
bekannt waren. Sie werden im März durch eine Auk-
tion, den Weg in die Öffentlichkeit und auf den Markt
finden. Es handelt sich um die Bildnisse Claude Monets
und A.Sisleys,Werke, die seit derStundeihresEntstehens
im Schutz der Galerie Dollfuß hingen. In den Zeiten,
da Renoir noch durchaus nicht anerkannt war (nicht
einmal von allen Malern seines Boots, z. B. von Edouard
Manet), da gehörte zu den spärlichen Gästen seines
Ateliers der Kunstfreund Jean Dollfuss. Die Werkstatt
stand voll Bilder, und die Aufträge bleiben aus. Um
den Künstler zu ermutigen, bestellte Dollfuss 1875 das
Bildnis Monets und 1876 das Porträt Sisleys. Von der
Gleyre-Schule her war Renoir mit beiden befreundet;
Sisley hatte er schon einmal gemalt (1863) sitzend im
Fauteuil sinnierend, träumerisch. Jetzt fasste er den
lyrisch-empfindsamen Freund nur eine Note aktiver
auf: über einer Lektüre, die Kurzpfeife schmauchend.
Monet, derbeweglichere, temperamentvollere, erscheint
in der Lust der Arbeit, der „promeneur" in der An-
schauung der Natur. Beide Bilder sind von einem tiefen,
warmen Farbenreiz und menschlich die echtesten Doku-
mente. J. E.

PRAG
Der Verein Deutscher Bildender Künstler eröffnete
im Rudolfiitum eine Ausstellung. Man sah gute Land-
schaften von Karl Wagner. In einem besonderen Kabi-
nett waren Bilder moderner Primitiver versammelt, von
denen Hablik und Olscher besonders zu nennen sind.
Dieser Letzte ist auch als Radierer bemerkenswert.
Kubin sandte einige Zeichnungen mit interessanten
Sujets. Von den kühnen Zeichnungen des Parisers Kars
fielen zwei der Zensur zum Opfer. Reich war die Aus-
stellung an Bildnissen. In der Plastik dominierte der
Name Opitz. U. R.

BERLIN
Leo Klein-Diepold, Oskar Moll und Fritz Rhein
hatten bei Paul Cassirer ausgestellt. Klein-Diepold
ist mit dem Herzen noch in der Väter Zeit, dem Ver-
stände nach ist er Sezessionskünstler. Es ist Kalck-
reuthisches in seinen Landschaften. Die Malweise ist
sehr plastisch, ist etwas schwer und erdig und mehr
bunt als farbig von innen heraus. Aber sie ist solide,
ernst und gewissenhaft. — Oskar Moll ist ein Geschmack.
Er kombiniert sehr pikant fremde Anschauungsergeb-
nisse, er verniedlicht Gauguin in einer sehr geschickten,

japanisch-neufranzösischen Manier. Die Naturmotive
sind zuweilen aber naturalistisch stärker als der „Stil"
des Malers. Die Farbe ist reizvoll. Zum Beispiel in
dem delikaten Stilleben mit Perlhuhn. Aber es ist nie-
mals ganz ohne Gewaltsamkeiten abgegangen. -
Fritz Rhein imponiert mit einem tüchtigen und ge-
schmackvollen Bildnis (Frau M.). Er löst die Aufgabe,
durchaus künstlerisch ehrlich und weiss doch zugleich
salonfähig zu sein. — Mit einer Reihe von Bildern Max
Pechsteins ist nichtvielzubeginnen. — ImNebeneinander
erkennt man peinlich das System. Dasselbe Grün, das-
selbe Rot, dasselbe Gelb kehren immer wieder. Atelier-
kunst — aber längst noch nicht freskohaft geworden. —
Rippl-Rönai endlich, von dem 10 Bilder zu sehen waren,
ist ein sehr äusserlicher Künstler. Er kommt vonVuillard,
Pissarro, Bonnard her, die er ins Steindruckartige, ins
Holzschnittartige übersetzt. Eine „Rhythmisierung"
dieser Art ist aller Laster Anfang. — Der Wiener Max
Oppenheimer ist keine erfreuliche Erscheinung. Ein
Ragout aus anderer Schmaus. Etwas Kokoschka, etwas
Klimt, etwas Greco — kurz alles was gerade Mode ist.
Immer mit wienerischem Geschick. Unter all den
stilistischen Gewaltsamkeiten schaut aber urgemütlich
überall ein braver Durchschnittnaturalist hervor. Wiener
Maskeradenscherze. Nicht ohne Talent — natürlich,
kann man beinahe sagen. K. S.

BRÜSSEL
Im Salon der Societe beige des Aquarellistes sind in
diesem Jahre vierzig deutsche Aquarellisten auf Ein-
ladung erschienen. Es ist erfreulich, dass dem Publi-
kum damit der Beweis von der Vollgültigkeit der deut-
schen Kunst erbracht wird. Schon die Kunstwerke, die
auf der Weltausstellung über die deutschen Wohnräume
verteilt waren, haben nach dieser Richtung nachhaltig
gewirkt. F. M.

MÜNCHEN

Die Winterausstellung der Münchner Sezession ist in
diesem Jahre den Wienern eingeräumt. Die Wiener
Sezession bringt in vorteilhaften Formaten eine grössere
Zahl merkwürdig reaktionärer Porträts, Genreszenen,
Landschaften. Alles recht gute Atelierkunst von einer
fast unerfreulich gleichmässigen Qualität, aber leider
nicht mehr. Der Saal mit den Radierungen Ferdinand
Schmutzers enthält in den jüngsten Arbeiten des
Künstlers vorzüglich geglückte Darstellungen des Räum-
lichen.

Im oberen Stock findet eine kleine Gedächtnisaus-
stellung für den Tiermaler Hubert von Heyden statt.

In Brakls moderner Kunsthandlung haben verschie-
dene Mitglieder der Scholle ausgestellt. In der Walter
Prittner gewidmeten Sonderabteilung fallen neben den
hier schon besprochenen grossen Karnevalsbildern einige
im Ton sehr reizvoll zusammengehaltene kleine Land-
schaften auf. U.-B.

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