Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

Page: 374
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eres fand; heute, als reifer Mann, neigt er, geführt von
seinem Zarathustra Hans von Marees, dazu das Absolute
der Kunst in abstracto zu formulieren. Er steht auf
einem kritischen Punkt seiner Entvvickelung. Es meldet
sich das Asketische, das Fanatische, das leise immer im
Wesen dieses nervösen Lebensgeniessers, dieses sich
mit dem Leben oft Betäubenden, dieses starken Arbeiters
gewesen ist. Es war Wahlverwandtschaft, was ihn zu
Marces geführt hat. Schon formuliert er entgegen-
gesetzt wie in seinem Böcklinbuch. Dort sagte er mit
beissendem Spott zum Leser: du giebst mir zu, Böck-
lin sei weder Maler noch Zeichner, aber du fügst wie
ein Thor hinzu, er sei eben etwas anderes, ein „Künst-
ler"; in seiner Mareesbiographie sagt Meier-Gräfe
dasselbe nun von seinem Helden, und meint es als
Beweis einer überragenden Grösse. Ein Widerspruch
mit sich selbst liegt hierin aber nicht; wenigstens für den
nicht, der weiss, wie Meier-Graefe es hier und dort
meint. Es zeigt sich, daß der Wille zum Absoluten,
zum Verallgemeinern, dieser ganz deutsche Wille sich
auch dieses Mannes nun bemächtigt hat. Meier-Graefe
hat sich damit in einen Kreis von Gefahren begeben,
die er noch nicht kannte; wenn er mit Recht aller Ge-
fahren bisher lachen konnte, die von aussen drohen, weil
er ein Starker ist, so wird die Zukunft zeigen müssen,
ob er auch den von innen drohenden Gefahren eines
asketischen Mareesidealismus gewachsen ist.

In dem allzu umfangreichen dreibändigen Marees-
werk (dessen zweiter Band hier schon besprochen wor-
den ist, Jahrg. IX Seite 64) ist die philologische Arbeit
so ausserordentlich, daß man den Autor schon dafür
zum deutschen Professor machen sollte. (Er selbst
braucht das natürlich nicht; aber als Kundgebung nach
aussen wäre es nützlich.) Meier-Graefe hat es sich
schwerer gemacht als nötig war; seine Kraft ist eigent-
lich für solche Genauigkeiten zu schade. Nicht ganz
freiwillig erscheint die Ausdehnung des Werkes. Es
fließt diesem Schriftsteller der Text immer breit aus-
einander; es fehlt stets die Architektur. Meier-Graefe
gleicht einem Maler, der auf der Leinwand selbst den
richtigen Ton erst sucht und mischt: er trifft ihn
schließlich, aber in sein Bild kommt etwas Verschmiertes.
Man hat den Eindruck, daß Meier-Graefe fünf oder
zehn Sätze hinschreibt und während dessen ringt, eine
Empfindung in Gedanken zu verwandeln. Er schreibt
sich durch alles Störende und Nebensächliche hindurch,
bis er die richtige Formulierung hat; aber er lässt alles
dann stehen, er lässt den Leser immer alle Wege zu
den Gedanken mitgehen. Das ist sehr ermüdend.
Primaschreiberei ist nur den ganz disziplinierten Köpfen
zu raten; Meier-Graefe aber ist nicht literarisch dis-
zipliniert. Der Strom seiner Rede fliesst wie eine
schnelle, von Wirbeln und brandenden Wellen vielfach
bewegte, aber trübe, undurchsichtige Flut dahin. Seine
Prosa ist nicht erfrischend zu lesen. Es fehlen, zum
Beispiel, in den Beschreibungen der Bilder die ganz

treffenden Worte. Das Beste steht oft zwischen den
Zeilen. Sehr oft ist, was Meier-Graefe schreibt, inter-
essant, manchmal ist es amüsant und hier und dort so-
gar packend ; im allgemeinen aber schreibt dieser leiden-
schaftliche, kurzweilige Mensch langweilig, weil erunklar
ist. Was er sagen will, ist eigentlich immer gut, wie er es
sagt, das ist, wenn man von kurzen, oft glänzenden
Wendungen absieht, unzulänglich. Da es sich in diesem
Mareeswerk um einen Künstler handelt, dessen Wert
mit selbstsicherer Überzeugungskraft nicht propagiert
werden kann, um einen Sucher des Vollkommenen mit
vielen problematischen Zügen, so zeigt sich Meier-
Graefes Schriftstellereigenart besonders deutlich. Er
untersucht in diesem Buch weniger als er überredet;
er färbt in seiner liebenswerten Begeisterung die Dinge
schöner als sie sind; er wird redselig und verfällt seinem
alten Fehler, die Gegenspieler — in diesem Fall vor
allem Feuerbach — schwärzer zu malen als sie sind,
um das Licht, das auf seinen Helden fällt, heller er-
scheinen zu lassen; er giebt alte Überzeugungen, Marees
zuliebe, halb auf. Aber nie aus niedriger Effektberech-
nung, sondern nur weil er Marees liebt, weil dieser sein
Held ist. Was er vom Werden der Neapler Fresken sagt,
liest sich dann auch wie ein Heldengedicht. Hier ist der
Punkt, wo man Meier-Graefe um seiner schönen Mensch-
lichkeit willen liebt, wo ein kindlich reiner Idealismus
sichtbar wird, ein grosses Herz und ein starker Geist.
An anderen Stellen aber hat den Verherrlicher Marees
zu sehr der „furor biographicus" gepackt und ihn an
der Darlegung letzter Richtigkeiten gehindert. Marees
ist nicht deutlich charakterisiert. Das Mestizenhafte
im Wesen dieses Künstlers kommt nicht genügend her-
aus. Am stärksten aber wirkt, wie im Kunstwerk so
auch in einer solchen Künstlerbiographie, nie die Ten-
denz — und sei sie auch „heroisch", sondern die ver-
geistigte Richtigkeit.

Der erste Band enthält auf mehr als fünfhundert
Quartseiten die Biographie, der zweite Band enthält die
Abbildungen sämtlicher Werke, der dritte eine Samm-
lung zum Teil höchst wertvoller Briefe und einen —
ohne Autorenerlaubnis vorgenommenen — Abdruck
der in Zeitschriften erschienenen Aufsätze über Marees.
Zu umfangreich sind alle drei Bände. Doch ist das Ge-
samtwerk ein sehr schönes Zeugnis dafür, mit welchem
Opfermut Verfasser und Verlag für einen verkannten
deutschen Künstler gearbeitet haben. Meier-Gräfe hat
sich mit diesem gewichtigen Werk neben seinen gelieb-
ten Ritter Hans gestellt, so dass der Name Marces ohne
den seines heldenmütigen Biographen auf lange Jahre
hinaus gar nicht mehr genannt werden kann. —

Weniger Gutes ist von dem Werk über Liebermann
zusagen. Die „deutscheVerlagsanstalt" hat die unglück-
selige Fähigkeit moderne Künstler in ihren „Klassikern
der Kunst" so darzustellen, dass sie entschieden an
Wirkungskraft verlieren. Das Gesamtunternehmen ist
ausserordentlich nützlich,dergestalt, dass einige der Bände

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