Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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HENRI ROUSSEAU, LANDSCHAFT MIT KÜHEN UND PFERD



Kalckreuths Balkonbild gehört zu seinen leben-
digsten Arbeiten. Das Räumliche ist freilich nicht
ganz in Ordnung; auch wachsen Vordergrund und
Hintergrund nicht recht zusammen. Das Frauen-
bildnis ist eine bis ins letzte redliche Arbeit, voller
Sachlichkeit und Trockenheit. —

Von den Bildhauern zwingt Barlach zu starker
Bewunderung. Sein Wesen ist künstlerisch bis zum
Tiefsten; sein Talent ist im höchsten Maasse deutsch.
In seiner „Vision" ist die Romantik des gotischen
Geistes. Und auch in seiner technischen Handwerks-
gesinnung ist Gotik. Die „Vision" ist ein gross
gedachtes Werk, trotzdem die Zusammensetzung
aus mehreren Holzblöcken nicht unbedenklich ist
und die beiden Motive auch materiell trennt. Doch
kommt der Eindruck des Künstlichen nicht auf,
weil in dem Künstler selbst alles ungekünstelt ist.
Der Gesamteindruck ist monumental und lieblich,
dramatisch und lyrisch zugleich. In der wagerecht
schwebenden Figur dieser für ein Musikzimmer
gedachten Plastik ist etwas modern Giottohaftes.
In der seltsamen Mann-Weibgestalt mit den harten

Schicksalszügen ist das Visionäre des Schwebens mit
grosser Kunst gegeben. Unmittelbarer noch in dem
Ausdruck eines tragischen Humors ist der „Wüsten-
prediger". Man mag unser ganzes neunzehntes
Jahrhundert durchforschen und wird nach dieser
Richtung nichts Ähnliches finden.

Hallers „sitzendes Mädchen" macht überraschen
durch eine Fülle und Fleischlichkeit, durch eine
Pikanterie im Monumentalen, die man ihm nicht
zugetraut hatte. Kolbes jungfräuliche, weichknochige
Plastik kommt in der lässigen Grazie einer Tänzerin
gut zur Anschauung; Engelmann weicht mit seinen
„drei Grazien" ein wenig von der sonst verfolgten
Linie ab. Seine Arbeit erweckt viel Achtung, ist
aber in all ihrer edlen Klassizistik etwas ins Weiche
geraten. Ein neuer Name ist Albert Comes. Er
bezeichnet einen jungen Bildhauer, der der Skulptur
ungefähr wie Kolbe gegenübersteht und der uns
in Zukunft wohl noch beschäftigen wird.

Über die eigenartige Erscheinung Wilhelm
Lehmbrucks schreibt J. Meier-Graefe in diesem
Heft, so dass nichts hinzuzufügen bleibt.

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