Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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So ist es bei allem Rätselhaften, bei
allem Grossen, und hier ist ein Bild
voller Rätsel, voller Grösse, voller
tiefer schöner Fragen und voller eben-
so tiefer hoheitvoller schöner Ant-
worten. Es ist ein wunderbares Bild,
und man muss staunen darüber, dass
es ein Mensch des neunzehnten Jahr-
hunderts hat malen können; da es
doch gemalt ist, als habe es ein
frühchristlicher Mensch und Meister
hergestellt. So grossartig wie schlicht;
so ergreifend wie still; so bescheiden
wie hinreissend schön ist das Bild der
Frau aus Arles, der man, ohne viele
Umstände, mit der Bitte und mit
der Frage nahen möchte: „Sage mir,
hast du viel gelitten:" Bald ist es
das Porträt einer Frau schlechtweg;
bald aber ist es wieder das Bild von
dem grausamen Rätsel des Lebens
in der Gestalt der Frau, die dem
Maler zum Modell, zum Vorbild ge-
dient hat. Es ist alles in dem Ge-
mälde mit derselben katholisch-
feierlichen, unerbittlich-gläubigen,
ernsten und strengen Liebe gemalt,
der Ärmel wie der Kopfputz, der
Stuhl wie die rotumränderten Augen,
die Hand wie das Gesicht; und ganz
löwenhaft mutet der geheimnisvolle,
kraftvolle Pinselzug und -schwung
an, so dass man sich des Eindruckes
von etwas Titanischem nicht zu er-
wehren vermag. Und doch immer
wieder ist es weiter nichts als das Bild einer Frau
aus dem täglichen Leben, und gerade dieser so
geheime Umstand ist ja das Grosse, das Ergrei-
fende, das Erschütternde. Der Hintergrund des
Bildes ist wie des harten Schicksals Unentrinnbarkeit
selber. Hier ist ein Mensch abgebildet so recht
wie er leibt und lebt, und wie er alles Empfundene
sich längst hat gewöhnen müssen, still für sich zu
behalten; indem er vielleicht zur Hälfte schon ver-
gessen hat, was er alles, alles hat dulden, auf die
Seite legen und überwinden müssen. Man möchte
die mageren Wangen dieser — Dulderin streicheln.
Es ist einem ums Herz, als dürfe man nicht bedeckten

WILH. LEIIMBRUCK. KNIENDE. GIPS

Kopfes vor dem Bilde stehen, sondern müsse den
Hut herunternehmen wie beim Eintritt in ein heilig-
kirchliches Gewölbe. Und ist es nicht sonderbar,
und doch wieder gar nicht sonderbar, wie hier der
Maler-Dulder, (denn das war er!) auf die Darstel-
lung der Dulderin gerät: Sie muss ihm augen-
blicklich ganz grenzenlos gefallen haben und da
hat er sie gemalt. Diese von der Welt und vom
Geschick grausam Behandelte und nun selbst viel-
leicht grausam Gewordene ist ihm ein jähes, grosses
Erlebnis, ein Seelenabenteuer gewesen. Er soll
sie ja auch, wie ich gehört habe, mehrmals gemalt
haben.

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