Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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Rodins. In der Gestalt Lehmbrucks meint man
jenen Gefühlsinhalt, der nicht mit dem Namen der
Gotik verschwand, noch freier, noch abstrakter zu
spüren.

Ein sehr kühnes und sehr jugendliches Werk.
Die Mängel werden ihm so genau nachgerechnet
werden, dass ich nicht nötig habe, daraufhinzu-
weisen. Wenn man nur ausser den langen Beinen
auch das andere sehen möchte, das sich nicht ohne
weiteres jedem aufzweiBeinen laufenden Sterblichen
erschliesst: das sehr Keusche, Dichterische dieser Bild-
hauerei, die mit neuen Organen adelige Züge un-
serer Rasse aufdeckt. Ein sehr reiches Werk trotz
aller seiner Fehler, denn sie thun der Hauptsache
keinen Abbruch, gehören zu jenen, die aus Über-
schuss, nicht aus Mangel entstehen, die wir hinnehmen
wie die verfehlten Perspektiven Cezannes und die
übertriebenen Rundheiten Renoirs, die wir dulden
dürfen, weil sie Folgen, nicht Anlässe sind, und in
einer Zeit wie der unseren dulden müssen. Und ein

notwendiges Werk, vielleicht sein bester Titel.
Endlich einmal eins, das nicht aus hundert be-
langlosen Gründen entsteht, sondern aus dem einen,
der allein grosse Werke bestimmt.

Ich werde mich hüten, einem Menschen von
dreissig Jahren eine glänzende Zukunft zu prophe-
zeien, obwohl die Dinge, an denen er gegenwärtig
schafft, eine weite Fortsetzung versprechen. Er kann
in ein paar Jahren zu Ende sein und dann würde
die Abrechnung mit ihm das Debüt notwendig
strenger schätzen. Aber die Existenz eines Bildhauers,
der mit seinem Material neue Konzeptionen erreicht,
ist heute ein solches Wunder, dass man die Gelegen-
heit, den lauernden Pessimismus über unsere Kunst
zu dämpfen, nicht versäumen darf. Vielleicht ge-
hört der kleine Westphale, in dessen stiller Art man
nicht den Reichtum seiner Erfindung vermuten
würde, zu den Deutschen, die endlich sich bequemen,
das reiche Erbe Frankreichs anzutreten, das den
Franzosen aus den Händen zu gleiten droht.

WILH. LEHMBRUCK. MÄDCHEN

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