Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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hatten sich in den Jahren ihrer Existenz bisher immer
sehr ruhig verhalten; nachdem aber diese italienischen
„Futuristen", die kitschig malen und noch kitschiger
schreiben, ihren Pariser Schulmeistern den Wind aus
den Segeln genommen haben, wuchs natürlich auch den
Franzosen der Mut in der Brust, und sie suchen zu mani-
festieren, auf ihre Art. Sie treiben einen Keil in den
Prass den „Independants", und verteidigen von der
Hochburg der mittleren Säle ihre Lehre. Ich habe in
meinem Dasein soviel Theorien, Doktrinen, Bewegungen,
Programme, Konventikelkünste in Paris miterlebt, mit
Bewunderung zweifelnd und mit Zweifel bewundernd,
dass mich nichts „Neuestes" mehr schreckt. Wie in
der Natur, so ist auch in der Kunst alle Aktivität blind:
ob eine Lehre gut oder schlecht, ob sie zwecklos oder
zweckvoll war, das stellt sich immer erst dann heraus,
wenn das grosse Talent erscheint, das sich ihrer mit
schöpferischer Kraft und bildendem Instinkt bedient.
Der Impressionismus hatte das Glück, sofort und auf
einmal sieben Begabungen, zum Teil geniale Naturen,
als Avantgarde in die spröde Welt senden zu können.
Das Fähnlein der „Neo-Impressionisten" oder „Poin-
tillisten" hatte nur Ein wirklich bedeutendes Talent,
Seurat, dessen Werke eine gewisse Bedeutung behalten
werden; aber sonst ist diese Bruderschaft längst nicht
mehr aufrecht, wiewohl sie sich in den kommenden
und gehenden Ausstellungszeiten als „Gruppe" fühlt:
einige, wie Luce, haben sich zu breiterer, dem alten
Impressionismus angenäherter Manier entschlossen;
andere, wie Rysselberghe, sind reine Akademisten ge-
worden, malen Akte wie neuere Cabanels oder ver-
fertigen süsse Damen- und Kinderporträts für zahlungs-
fähige Gesellschaftskreise. Den Kubisten aber fehlt —
trotz Picasso, trotz Metzinger— die übtrragende Persön-
lichkeit, die selbstherrlich die Lehre der grüblerischen
Ateliergespräche ins Leben der Kunst hinüberführt. Sie
sind zumeist Spintisierer, die mittelmässige oder skurrile
Kapellmeistermusik machen. Man sollte füglich mit
Geduld auf den thatenfrohen Messias warten, der den
brauchbaren Kern des Kubismus für die dekorative
Malerei in Naivität fruchtbar und nutzbar macht.

Die heroische Zeit des alten Marsfeldsalons scheint
vorüber zu sein (während die „Independants" ihre
heroische Stunde ja doch jeden Tag wieder erleben
können). Dieselben Leute kehren jahraus, jahrein
zurück mit denselben Sachen und Sächelchen. Leute,
die einst Stürmer und Dränger waren und nun der be-
währten Devise leben: „Pecole c'est la tradition". Sie
verdienen bei dieser merkwürdigen Selbstbeherrschung,
gelangen berühmt in die Jahre und steigen ehrenreich
ins Grab. Der Nachwuchs fehlt; um dem Mangel ab-
zuhelfen, ist man allmählich auf den Ausweg verfallen,
sich Kräfte von anderen frischeren Vereinigungen zu
pumpen. Die „Independants" und der Herbstsalon
stellen diesmal die Guerin, Charlot, Maurice Denis
(der übrigens in die akademisierende Societe schon so

gut wie hineingehört), Desvallieres, Lebasque und Frau
Boznanska; das rein malerische Niveau steigt dadurch
um einige Zentimeter; wer aber das Gesamtbild mit
etwas Kritik betrachtet, wird sich nicht darüber täuschen
lassen, dass diese ganze Hebung nur künstlich und
äusserlich ist. Ein Ausländer liefert diesmal krampfhaft-
verblüffende Zugstücke, Zuloaga, dieser Manierist in
Schwarz, der bis an den Hals vollgepfropft ist mit An-
lehnungen an Velasquez, Greco, Cezanne, van Gogh:
ein Massenporträt, eine Kreuzigung, einen heimreiten-
den Picador. Riesige, luftlose, von Perspektive nicht an-
gekränkelte Formate mit Figuren aus angestrichenem
Holz; die Auffassung der Modelle an die Karikatur
streifend, nicht an jene Karikatur, die sich dem im-
pressionistisch verfahrenden Porträtmaler aus der ehr-
lichen Anschauung menschlichen Ausdrucks als geheime
Selbstironie der Natur ergiebt, sondern an die Karikatur
bravouristischer Verstiegenheit. So faustdicker Hysterie
gegenüber, die sich als Kraft geberdet, haben die Ver-
treter der guten alten französischen Anmut, Harmonie
und Jovialität einen schweren Stand: sie erschöpfen ihr
ewiges Thema von Frauenschönheit und Glückselig-
keitsleben, dieses unaufzehrbare Erbe des achtzehnten
Jahrhunderts, inLeinwanden von immer mächtigeren Di-
mensionen — wieCaro-Delvaille oder Gaston LaTouche,
oder sie treiben einen musikalischenHellenismushöheren
Stils wie Maurice Denis, als Stimmungszauberer, doch
nicht als wahrhaft Inspirierte, oder sie übertragen den
lieblichen himmelblauen Geist französischer Landschaft
in lockende Feerien wie Lebourg und Le Sidaner oder
sie liefern wie Raffaelli unbeirrt ein paysige sentimental,
das noch etwas anderes ist als Stimmungslandschaft.
Raffaelli hat, obwohl er eine Strecke mit den Impressio-
nisten marschierte, doch als Maler nie richtig zu ihnen
gehört: inzwischen hat er seine Palette um manche
Farbenpointen bereichert — trotz allem Kolorismus
aber ist er schwer und düster und ein bisschen spitz
geblieben; wenn ihm die Sonne scheint, so ist sie traurig,
bleich und kühl. J. Elias.

MÜNCHEN
Durch die Hagemeister-Ausstellung in der Galerie
Heinemann wurde der Künstler, über den an dieser Stelle
(Jahrg VIII, S. 4Hff- und IX, S. 455) schon ausführlich
gesprochen wurde, auch in München erfolgreich einge-
führt. In der historischen Entwicklung dieser bei aller
Beeinflussung durch Schuch und Trübner, Courbet und
Daubigny sehr achtenswert selbständigen Kunst steht
wohl am höchsten die „Einfühlung" in den Organismus
der Natur, deren Naivetät zum Lebendigen eindringlich
und unmittelbar hinleitet. Auf solcher strengen Basis
dringt die Ausdrucksform Hagemeisters auf Grund einer
nicht minder strengen Selbsterziehung zu einer dem
Wesen der Natur äußerlich möglichst entsprechenden
Technik. In dem Ringen nach dieser Ausdrucksform,
die begreiflicherweise ebenso leicht Beeinflussungen an-

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