Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 10.1912

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schlossenheit entspringt der ausgesprochnen Vor-
liebe de Ridders für die holländische Kunst des
siebzehnten Jahrhunderts und in ihr speziell für
die Meister, die man vulgär als „die Holländer"
zu bezeichnen pflegt; die Qualität der einzelnen
Stücke bleibt das Denkmal der Kennerschaft des
Schöpfers dieser kleinen Galerie. Eine ungefähre
Aufzählung des Vorhandenen scheint den Umfang
der Sammlung zu konturieren geeignet.

Von Rembrandt, dem führenden Genie der
Epoche, sind drei Stücke, ein männliches Porträt
aus der konventionellen Zeit, datiert 1634, ein
Saskiatypus als „Flora", ein Mädchen am Fenster
(Hendrickjetypus), also zwei Porträts im weiteren
Sinne, von seinem Rivalen Franz Hals zwei weibliche
Bildnisse vorhanden; aus der Zahl der bekannten
Genremaler ist Pieter de Hoch mit zwei Interieur-
schilderungen des holländischen Hauses seiner Zeit
und einem seltneren Typus „Blumengarten" (Ex-
terieur), Nicolas Maes mit „einer Köchin eine Ente
rupfend", Gabriel Metsu mit zwei Sittenstücken,
„der Brief" und „am Grill" und einem „Porträt
eines Jünglings", Gerard Terborch mit drei Por-
träts, dem „Kartenspiel" und einem „jungen Mäd-
chen beim Lesen", Jan Steen mit fünf küstlichen
Stücken der Erfassung des Lebens seiner Umgebung
vertreten. Zahlreiche Landschaften, zwei von Jan
van de Capelle, drei von Aelbert Cuyp, zwei von
Jan van Goyen, eine von Jan van der Heyde, zwei
von Meindert Hobbema, drei von Aert van der
Neer, vier von Jakob, zwei von Salamon van Ruys-
dael, eine von Adriaen van de Velde, eine von
Willem van de Velde, eine von Wouwermans und
eine von Paulus Potter, vervollständigen nach dieser
Seite das charakteristische Bild der holländischen
Kunstübung im siebzehnten Jahrhundert, das dann
noch in trefflichen Porträts von Jakob Adriaensz
Backer (zwei), von Ferdinand Bol (eins), von Govert
Flink (eins), von Thomas de Keyser (drei), von
Jan Verspronk (eins), seine letzte notwendige Er-
gänzung findet. An diese skizzierte Anzahl reihen
sich als Outsider, ein Adriaen Brouwer, drei Gon-
zales Coques, zwei Antoon van Dyk, ein Sir Joshua
Reynolds, drei Peter Paul Rubens, ein Richard
Wilson und ein Porträt des Meisters der weiblichen
Halbfiguren.

Damit wäre der aufzählende Teil beendet, der
nur einen Begriff von der quantitativen Seite der
de Ridderschen Sammlung geben kann; diese aber
dürfte das Ausserlichste an der ganzen Ausstellung
sein. Viel dringlicher scheint die Frage, welches

Erlebnis und welche Bereicherung bringt eine solche
geschlossene Übersicht einer bestimmten Epoche?
Denn ihr weitestes Verdienst wird doch darin be-
stehen, dass sie uns Aufschluss giebt, welche Lei-
stungen diese Zeit bevorzugt hat, nach welcher
Seite ihr Verdienst bei der Lösung ihrer Vorwürfe
liegt, und welcher Genuss für das suchende Auge
unserer Zeit aus ihr heute noch wächst. Drei
Themata stehen im Vordergrund des Interesses der
damals Schaffenden: das Porträt, das Genre und die
Landschaft, im weitesten Sinne mit und ohne figür-
liche Belebung. Im Rahmen dieser Bemerkungen
soll nur vom Porträt und dem Genre an der Hand
von Typen die Rede sein.

Das Porträt. Da in der Ausstellung der de
Ridderschen Sammlung im Städelschen Institut die
Hauptwand, also der Paradeplatz, des früheren Saales
der primitiven Italiener, dem Bildnis einer jungen
achtundzwanzigjährigen Frau von Frans Hals, datiert
1634, eingeräumt wurde, wollen auch wir dieses
Bild zum Ausgang unserer Betrachtungen machen.

Die Abbildung (S. 605) überhebt mich der Be-
schreibung, nicht aber des Hinweises auf die Eigen-
tümlichkeiten des Bildes. Der Maasstab des Porträts
ist Lebensgrüsse; die Einordnung der Figur in den
Rahmen beschränkt sich auf eine allgemeine, leichte
Wendung des Körpers und Kopfes nach links, ohne
dass durchgrösseren Achsenreichtum versuchtwürde,
eine Interessantheit in der Repräsentation zu er-
reichen. Somit wirkt die Aufnahme der Dargestell-
ten in formaler Hinsicht durchaus gleichmässig,
ein Eindruck, der sich noch durch die Zuthat der
am Körper herabhängenden Arme und Hände ver-
stärkt; auch die hilflose Bewegung der rechten
Hand mit dem Handschuh ist nicht imstande der
jungen Frau etwas vom Wesen einer Persönlichkeit
zu verleihen. Einig mit diesen Dingen der mangeln-
den körperlichen Rhythmik geht der Ausdruck
des Kopfes, der als geistig eng und unbeweglich
gutmütig zu bezeichnen wäre. Sind solche Mängel
der formalen Gestaltung dem Maler, dem die Fähig-
keit lebhafterer und fesselnderer Gestaltung abzu-
gehen scheint, als Belastung zu buchen? ■— Viel-
leicht ist der Gesichtswinkel unserer Betrachtung
ein schiefer und es wird vorerst zu konstatieren
sein, welche Vorzüge das weibliche Bildnis hat.

Die fast allgemeine Wertschätzung beruht auf
der Zusammenstellung des mit grünlichen Nuancen
stark durchsetzten lichtgrauen Hintergrundes mit
dem Kleid, das aus einem schwarzen, auf weissen
Grund aufgelegten Gewebe besteht, beruht auf der

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