Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Die Kupferstichsammlung des verstorbenen Direktors Kalle in Bonn.

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Besondere Liebe wendete Lübke der klassischen Bau-
knnst zu; Griechenland und seine Werke sinden wir ein-
gehender behandelt als früher, und ausgestattet ist dieser
Theil des Bnches mit über 36 neuen Abbildungen,
unter denen diejenigen dorischer Kapitäle, des Tempels der
Nike apteros, des Mausoleum in Halikarnaß und des
Artemision zu Ephesus hervorstechen. Nicht nur längere
Ausführungen einzelner, srüher nur skizzirt gegebener
Themata zeichnen diese Partieen des Werkes aus, son-
dern es sind auch die Resultate neuerer Forschungen
ebenso wie wichtige moderne Publikationen berücksichtigt,
unter diesen Krell's Geschichte des dorischen Stils. Auch
die etruskische Baukunst, sowie diesenige der Römer fand
reichlichere Vermehrung an Holzschnitten, und letzteres
Kapitel ziert Adler's Restauration des Pantheon, nebst
Lübke's Beschreibung des Baues nach Adler's Forschungs-
resultaten.

Einige Bereicherung sanden die Kapitel über die
altchristliche Baukunst, sowie über die Kunst des Jslam;
hier trefsen wir ein Bild der Sakra-Moschee zu Ieru-
salem, Muhamed's II. Moschee zu Konstantinopel nach
Adler, und im Anhang über walachische und serbische
Architektur Zeichnungen der Kirche zu Kurtea d'Argyisch.

Am wenigsten ist wohl der Abschnitt über die ro-
manische Baukunst umgeändert worden. Ein neuer Holz-
schnitt giebt uns die Fatzade der Kirche zu Gebweiler.

Den neuen Holzschnitten kann man nachsagen, daß
sie mit großer Sorgfalt gearbeitet sind; der beste Holz-
schnitt im ganzen Werke ist und bleibt übrigens das
Haus in Amiens nach Viollet-le-Duc. Es ist eine
Schande, was wir Deutsche dem Publikum an schlechten
Holzschnitten zu bieten wagen, und leider muß man
das namentlich auch Schnaase's Meisterwerk nachsagen.
Unsere Holzschneider dürften sich angewöhnen, mit weniger
Mitteln mehr zu erreichen; ihre Devise sei: möglichst
viel Grazie und möglichst wenig schwarze Farbe! Hier-
nach sind die neuen Holzschnitte unseres Buchs im All-
gemeinen entschieden anzuerkennen.

Lübke's Buch wird in der jetzigen Kunstliteratur
in erster Linie genannt; es besindet sich in den Händen
aller Gebildeten und ist tonangebend geworden sür alle
Nichtarchitekten, die sich über Baukunst unterrichten wollen
oder auch in Kunstangelegenheiten ein Urtheil zu fällen
haben.

An ein Buch, wie das genannte, darf man aber
auch sehr hohe Ansprüche stellen. Von Auflage zu
Auflage hat es ganz entschieden durch Zusätze und Ver-
besserungen gewonnen und verdankt seinem stetigen Reifer-
werden seine allgemeine Beliebtheit und Verbreitung.
Jch zweisle nicht daran, daß Lübke's Architekturgeschichte
in Kurzem auf dem Standpunkte sein wird, daß weder
Architekten noch Kunstfreunde sich weiter mit älteren
Auflagen begnügen können, ich gewinne aber zugleich

auch beim Durchsehen des Buches den Eindruck, als
stünde ihm eine Krisis bevor, als sei sein Schwerpunkt
etwas verrückt worden, als müsse es sich entscheiden,
was es denn eigentlich sein will!

Sehr erwünscht wäre es, wenn bei den nächsten
Auflagen einmal tüchtig Razzia gehalten würde unter
den alten Holzstöcken; bei jeder Auflage werden die Holz-
schnitte ohnehin durch Abnutzung der Stöcke schlechter,
wie sich aus einem Vergleich der Auflagen sehr leicht
ergiebt; Abbildungen wie diejenigen der Akropolis, S. 151;
der Sophienkirche zu Konstaminopel, S. 270, von St.
Front zu Perigueup, des Bamberger Domes und des
Münsters zu Bonn machen weder Lübke's Buch noch
uns Deutschen allzu große Ehre. Was den Grundriß
des Tempels der Minerva Medica zu Rom, Seite 208
anbelangt, so könnte er gelegentlich nach den Aufnahmen
der Meister der Renaissance in den Uffizien zu Florenz
ergänzt werden; dort findet man ihn öfters abgebildet,
wenn ich nicht irre auch im Codep des Giuliano da
San Gallo aus der Barberina zu Rom. Ungern wird
man den Holzschnitt der Marienkirche aus dem Harlungs-
berg bei Brandenburg vermissen.

Soweit sei sür den Augenblick die neue Auflage
von Lübke's Geschichte der Baukunst besprochen. Den
Freunden des Buches braucht sie nicht besonders em-
pfohlen zu werden, ein Buch in fünster Auflage empsiehlt
sich selbst. Aber allen Architekten muß man sie als ein
gutes Buch in Erinnerung bringen; denjenigen beson-
ders, welche das Werk nur in erster, zweiter oder dritter
Auflage kennen, rathe ich, die neueste Ausgabe zu kaufen,
ihnen zum Vortheil. Die vierte Auflage ist mir nicht
mehr gut genug. Jch wünsche dem Buch aufrichtigen
Herzens besten Erfolg. Rudolph Redtenbacher.

Die Kupferstichjammlung des verstorbenen
Direktors Kalle in Lonn.

Die moderne Zeit hat aus dem Kunstmarkte so
verheerend aufgeräumt, daß die „unerschwinglichen" Preise
dem Eingeweihten„erschwinglicher"erscheinen als die guten
Sachen selbst. Es ist eben so begreiflich wie verzeihlich,
daß die Sammler den Museen das Feld Schritt für
Schritt hartnäckig streitig machen, wenn bedeutende Samm-
lungen durch den Tod des Besitzers wieder auf den
Markt kommen. Eine solche allererste Sammlung wird
im Laufe des Spätherbstes durch die Kunsthandlung
F. A. C. Prestel in Frankfurt a. M. zur Versteigerung
gebracht werden. Seit der Auktion Brentano die erste,
welche das Geschäft abhält. Da der Ehrgeiz desselben
von jeher darin besteht, nur ganz Vorzügliches zu bieten,
so dürfen wir uns über dies bedauerlich seltene Er-
scheinen aus dem Auktionsmarkte nicht wundern. Solche
Sammlungen giebt es eben verzweifelt wenige.
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