Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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XI. Jahrgang.

Seiträge

sind anvr. C. V.LÜtsÜw

(Wten,TheresiLnumgasse

25) od. an die Vcrla>ssk>.
t-Leipzig, Königsstr. 3),

15. September

Nr. 49.
Änserate

L 25 Pf. für die drei
Mal gespaltene Petitzeile

187«.

Beiblatt znr Zeitschrist siir bildcnde Knnst.

Dies Blatt, jede Woche am Freitag erscheinend, erhalten die Abonnenten der „Zeitschrift für bildende Kunst" geatis; für sich allein bezogen
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Jnhalt: Ein Ruudgang durch das moderne Paris. — Der Salon von 1876. IV. — Photographien nach Originalgemalden der Münchener Pinakothek
von Z. Nöhring. — Adolf Tidemand. — German von Bohn. — Umbauten iu der Lateranskirche zn Rom; Bernhard von Ncher. — Zeitschriften.
— Jnserate.

Ein Nundgang durch das moderne Paris.

Seit die Franzosen auf militärischem Gebiet em-
pfunden haben, wie verderblich es werden kann, sich felbst-
gefällig hinter der chinesischen Mauer nationalen Dün-
kels einzulullen, fangen sie an, anch in andern Dingen
fleißig nach rechts und links über ihre Grenzen hinaus-
zufpähen. Es mag nicht immer erfreulich sein, was sie
da entdecken. In einer Beziehung indeß können sie un-
besorgt sein. Sie sind noch immer, aber auch nur noch
die unbestrittenen „uinnssnrs än rnoncks". Mit diesem
bittern Wort charakterisirt Viollet-le-Duc den Vorrang
seiner Landsleute in der Kunstproduktion. Das gilt,
abgesehen von der dramatischen und Romanliteratur, vor-
nehmlich für ihre Malerei und Plastik. Nicht ganz aus
solcher, wenn auch immer nur relativen, Höhe steht die
französische Architektur. Was da von staatlicher Bevor-
mundung einerseits und Koterieumtrieben der Kunst-
settion des Jnstituts andererseits gesündigt wird, füllte
ein ganzes Buch. Wen gelüstet, in dieses krause Kapitel
kleinlicher Nergeleien näher einzudringen, der durch-
blättere nur die Fachzeitschriften und Fachwerke der
letzten Jahre. Sie sind voll bitterer Klagen und
ernstester Mahnungen. Gewichtige Größen erheben da
ihre Stimme, daß bei der neuen Ordnung der Dinge
auch hier endlich tubnlg. rgsa gemacht werde mit alt
eingerostetem Vorurtheil und Unsug.

Das hat zwar kaum viel sichtbaren Erfolg gehabt.
Vorerst galt und gilt es noch, die Kräfte nach anderer
Seite hin zu concentriren. Es ist aber nicht zu be-
zweiseln, daß, seit sich der nationale Ehrgeiz seines Zieles
bewußt geworden und bei dem natürlichen Geschmack,

dem Talent und den Mitteln der Franzosen, wir sie
auch hier bald nur auf erster Stelle werden zu suchen
haben.

Somit sind es rein äußerliche Gründe, die einen
Ueberblick der neuesten Pariser Bauthätigkeit vomSchlusse
des letzten Krieges an beginnen lassen. Man weiß, wie
die Commune mit den öfsentlichen Monumenten wirth-
schaftete. Da gab es viel und Großes zu thun. Frei-
lich ist erst der Anfang gemacht. Manches steht noch
da, hohläugig und ausgebrannt, wie es aus den Bürger-
kämpfen hervorging. Soll man's niederreißen, ausbauen
oder als Sehenswürdigkeit konserviren? Unterdessen
bleibt es eben Letzteres.

Aber auch wo in der That gearbeitet wird, ist der
Phantasie des Architekten verhältnißmäßig wenig Spiel-
raum gelassen. Es heißt eben restauriren und sei es
auch von Grund aus. Das ist wirklich der Fall bei
dem bedeutendsten der zerstörten Bauwerke, dem Ilotsl
cko villo. dkichts von den wenigen Resten war mehr
verwendbar, und doch wollte man dieses historisch und
künstlerisch gleich bedeutende Denkmal nicht spurlos ver-
missen. Das Programm für die öffentliche Konkurrenz
wurde demgemäß ein sehr anspruchsvolles: Wieder auf-
bauen, was schon da war, aber doch nicht alles und
zugleich mehr. Von dem ursprünglichen Plane Boccardo's
soll uur die Hauptfa^ade gegen den ehemaligen Grßve-
platz in unveränderter Gestalt beibehalten bleiben, als
solche kenntlich, ohne unharmonisch und fremdartig ab-
zustechen von der ausgedehnten Anlage zu Bureaux- und
Dienstzwecken, die an Stelle des schon längst nicht mehr
zureichenden Conglomerates der ältern Baulichkeiten tritt.
Ob die preisgekrönten Architekten Ballu und Des-
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