Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Kunsthandel. — Nekrologe.

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dle Veranlassung zur Errichtung eiues besonderen Ge-
bäudes gegeben hal. Die Wagner'sche Sammlung be-
stand aus 262 Gemälden, die ihr Begründer, der 1861
verstorbene Konsul Wagner, mil einem Koslenaufwande
von weit über 100,000 Thalern zusammengebracht hatte.
Aus dieser Summe ist ersichtlich, daß die Sammlung
nicht lauter Kunstwerke ersten Ranges enthalten kann.
Jndessen ist sie an guten Bildern reich genug, so daß
man etwa ein Drittel von der genannten Zahl wird
ausscheiden können, wenn man die Absicht durchführen
will, nur gute Bilder in der Nationalgalerie aufzu-
bewahren. Die Wagner'sche Sammlung giebt eben ein
treues Bild von der deutschen Staffeleimalerei während
der dreißiger, vierziger und funfziger Jahre — schlecht
und gerecht. Es ist nicht die Schuld ihres Stifters,
daß er nicht lauter gute Bilder seiner Galerie einver-
leiben konnte. Die späteren Erwerbungen, die aus einem
besonderen Fonds gemacht worden sind, waren meistens
glücklich. Dazu kamen einige sehr werthvolle Berei-
cherungen durch Schenkungen des Kaisers, der Kaiserin
und einiger Privatleute, so daß sich die Gesammtzahl
der Bilder nunmehr sast auf 400 beläuft. Dazu kom-
men 85 Kartons und Zeichnungen und 16 plastifche
Werke.

Der Katalog enthält eine möglichst ausführliche
Lebensbeschreibung jedes Künstlers, die vielleicht hie und
da zu weitschweifig — z. B. bei Cornelius sechs Seiten
lang -— ausgefallen ist, und eine Charakteristik seiner
künstlerischen Fähigkeiten. Es fragt sich, ob der Katalog
durch letzteren Zusatz nicht über die Grenzen seiner Be-
stimmung hinausgegangen ist. Abgesehen davon, daß
es eine sehr heikle Geschichte ist, die künstlerischen Qua-
litäten noch lebender Künstler in einem quasi amtlichen
Werke offiziell festzustellen, ist der Verfasser nicht selten
in die Phrase gerathen. Er war auch oft zu Wieder-
holungen genöthigt, wie es in der Natur der Sache
liegt, und mußte bisweilen aus naheliegenden Gründen,
z. B. bei Kaulbach, von der Würdiguug des Künstlers
gänzlich abstrahiren. Jm Uebrigen verdient die fleißige
und sorgsame Arbeit volle Anerkennung. Bei den großen
Schwierigkeiten, welche die Zusammenstellung des bio-
graphischen Materials bot, ist die Aufgabe in durchaus
zufriedenstellender Weise gelöst. Es hält bekanntlich bei
lebenden Künstlern sehr schwer, etwas Näheres über ihre
Lebensumstände und besonders über ihre Bildungszeit
zu erfahren. Einige jüngst verstorbene Künstler waren
sogar beinahe schon verschollen, so daß die Feststellung
ihrer Lebensumstände nicht geringere Schwierigkeiten
verursachte als bei vielen Künstlern der Vorzeit.

Nachdem die Nationalgalerie sowohl in einigen
Organen der Tagespresse als auch in den gebildeten
Kreisen Berlins entschiedene Mißbilligung erfahren hat,
ist gegen die „Kunstkritiker", welche sich vermessen haben,

frei von der Leber weg zu reden, von gewisser Seite
die Lekannte Redensart gebraucht worden, es sei leichter
ein Gebäude herunterzureißen als aufzubauen. Es sei
im Gegentheil verdienstlicher, den verborgenen Vorzügen
des Gebäudes nachzuspüren und solche aufzudecken, um
so mehr, als mit Sicherheit anzunehmen sei, daß der
Architekt die Mängel seiner Schöpsung ebenso genau
kenne wie der Kunstkritiker. Jch muß gestehen, daß ich
mich mit dieser Art von „Kunstkritik", die mehr an
Marktschreierei erinnert, nicht befreunden kann. Den-
noch habe ich mir die erdenklichste Mühe gegeben, den
„verborgenen Vorzügen" nachzuspüren. Jch muß ge-
stehen, daß ich dabei zu einem kaum nennenswerthen
Resultate gekommen bin, von dem ich in diesem Blatte
ehrlich Bericht erstattet habe. Schwerlich wäre übrigens
etwas erzielt worden, wenn man über die National-
galerie den Mantel der christlichen Liebe gedeckt hätte.
Es gilt hier das alte Wort: „Wenn die Menschen
schweigen, werden die Steine reden."

Adolf Rosenberg.

LimstlMdel.

R. L. Das Grüne Gewölbe in Photographien. Jrn
Verlage von Paul Bette in Berlin erscheint demnächst ein
großes Werk, welches etwa dreihundert der interessantesten
und künstlerisch werthvollsten Gegenstände aus der hoch-
berühmten, bisher schwer zugänglichen und daher wenig ge-
I kannten Sammlung des Grünen Gewölbes zu Dresden auf
100, mittels Photographie-Druckes (von Römler & Jonas zu
Dresden) hergestellten Tafeln zur Anschauung bringen wird.
Wir begrüßen dieses verdienstvolle Werk, über welches wir
später eingehend referiren werden, mit besonderer Freude.
Denn es bringt uns willkomnrene Bereicherung unseres kunst-
gewerblichen Materials, gleich werthvoll für die Berrutzung
in Ateliers und Schulen, wie in dem Studirzinrmer des
Gelehrten.

Uekrologe.

L. v. 14. ch Johann Christoph Nist, Landschaftsmaler,
geb. zu Stuttgart d. 17. März 1790, gest. zu Augsburg am
15. Mai d. I., wurde mit 14 Jahren von seinem Vater,
einern achtbaren Bürger und Rothgerber, zunr Hofkonditor
in Stuttgart in die Lehre gegeben, nach welcher er 1809
nach Wien in Kondition girrg, und, durch seine Neigung zur
Kunst getrieberr, vonr Kupferstecher Leibold und Prof. Seele
ernpfohlen, die Erlaubniß, in der kaiserl. Akadenrie studiren
zrr dürferr, crwarb, wozu er freilich 2stz Jahre nur wenige
Morgen- und Aberrdstunden verwenden konnte. Als er end-
lich jene Stufe erreichte, selbst Zeichenunterricht geberr zu
können — die Stunde wurde damals in Wien nrit 3 fl.
bezahlt — konnte er sich ganz der Kunst widrnen. Nach
sieben Jahren wurde vorr der k. k. Akademie ein Preis für
Landschaftsmalerei ausgeschrieben, welchen Rist bei der Kon-
kurrenz errang. — Nach diesem Erfolg drarrg sein Bruder
Gottlieb, ein begabter Kupferstecher, auf seine Heinrkehr, die
ihm, da er sich durch seine Reise nach Wien der Konskrip-
tion entzogen, erst nach einer rnittlerweile ertheilten Amrrestie
möglich war. Der errungene Preis verschaffte ihm die beste
Aufnahme und viele Austräge. Der vorige König von
Württemberg, die verwittwete Königin, Kaufmann Lisching,
ein damaliger eifriger Kunstsammler, u. A. m. kauften ihrn
Bilder ab. Auch Schadow besuchte ihn und bestellte bei ihm
eine Ansicht von Salzburg. Mit Thorwaldsen verkehrte er
viel. Nur der Wunsch: „Nach Jtalien" war ihm noch übrig.
Hier stand ihm Maler Schnitzer treulich bei, und, ob-
wohl der einflußreiche Danecker sich für Gegenbaur ver-
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