Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Korrespondenz.

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gundischen Kapelle der Wiener Schatzkanuner vergleichbar;
von interessanten Arbeiten weltlicher Bestinuuung: zwei
Stadtbanner der Stadt Köln aus dem 14. und 15.
Zahrhundert mit vier Meter langem Wimpel in ge-
musterter Seide; auf dem oberen rothen Felde die drei
goldenen Kronen, im unteren weißen in einer gothischen
Silber-Ornamentation verschiedene kleine Wappen in
runden Feldern zeigend, ferner eine Seidenstickerei auf
Leinwand mit zahlreichen sigürlichen und ornamentalen
Darstellungen, die auf fünf horizontalen Streifen derart
vertheilt sind, daß der obere und untere Streifen die
Bordüren bilden und ein Handtuch in Leinwandstickerei
mit figürlichen Darstellungen in vier Wappenmedaillons,
welches bei der Krönung Karl's V. von dem Erb-
kämmerer Grafen Eitel Friedrich von Zollern getragen
worden, beides aus der Sammlung des Fürsten von
Hohenzollern. Den Schluß der Abtheilung mögen eine
Reihe herrlicher Gobelins abgeben, von denen drei mit
Darstellungen aus der Befreiung Jerusalems den Ge-
brüdern Pallenberg zu Köln, vier mit Reiterschlachten
dem Herrn Charvet in Paris, zwei mit landwirthschast-
lichen Beschäftigungen in der Manier des Lucas van
, Leiden und vier mit reichen Wappendarstellungen den
Herren Gebrüdern Bourgeois in Kötn gehören.

Der III. Abtheilung der dekorativen Malerei hat
vorzugsweise die Kö lner Dombibliothek durch Ueberlassung
der seltensten und kostbarsten miniirten Pergamentcodices
aus den durch den Friedensvertrag vom 3. Sept. 1866
ihr wieder zugeführten Handschriften und Jnventarien-
stücken des Großherzoglich Darmstädtischen Museums
und Archives den mächtigsten Vorschub geleistet. Be-
ginnend mit einem Pergamentcodex in gr. Fol.: Oollsetio
ounonum aus dem 7. Jahrhundert mit reich ver-
schlungenen altirischen Jnitialen und Einfassungsborten,
welche durch die verwickeltsten Thier- und Bandvep-
schlingungen belebt werden, findet sich in einer Auswahl
der prachtvollsten Manuskripte die Entwickelung der
Miniaturmalerei in ihren charakteristischen Stadien von
der leicht gezeichneten phantasievollen Ornamentik der
Schule von St. Gallen und der farbenprächtigen Kunst-
weise karolingischer Manuskripte in ihren mit Gold und
Silber auf purpurgefärbtem Pergamente ausgeführten
Texten bis zu den letzten Ausläufen der Renaissance,
jenen naturalistischen Blumenbordirungen mit Jnsekten-
stafsage, durch 10 Jahrhunderte vertreten. Bei ein-
zelnen dieser Codices entsprechen auch die Einbände der
kostbaren innern Ausstattung. So zeigt eine dem Kölner
Museum gehöriger Evangeliencodep des 9. Jahrhunderts
mit angelsächsischen Jnitialen auf dem Einbanddeckel
inmitten eines Filigranvierpasses den segnenden Heiland
in vergoldetem Kupser getrieben und in den Zwickeln
die inkrustirten Evangelistensymbole, umgeben von einer
emaillirten Borte; der Deckel eines aus der Abtei Corvey

stammenden Evangeliariums aus dem Besitze des
Obersten von Frankenberg in Münster ein miniirtes
Christus-Medaillon mit den Evangelisten-Attributen,
eingelassen in eine emaillirte Bordüre mit inkrustirten,
gemmengeschmückten Zwischensätzen. Das Olla.rtn1urium
Rrnmisnss der Trierer Stadtbibliothek ist in vergoldeten
Messingplatten gebunden, welche hoch charakteristische
Niellen des XII. Jahrhunderts zieren.

Die spätere Miniaturmalerei ist durch die Lußerst
minutiösen Konterfeie eines Augsburger Bürgermeisters
und seiner Gemahlin in ganzer Figur (Iakob Selig-
mann, Köln), in vier größern Kompositionen mit alle-
gorischen Figuren (Graf E. v. Fürstenberg), vorzugs-
weise aber durch mehrere amnuthige Frauenporträts von
Charin, Versien, du Mont und Augustin vertreten, unter
denen ein Brustbild der Madame Tallien vou dem letz-
teren als Deckplatte einer Tabatiore auf höchste künst-
lerische Vollendung Anspruch hat (Frhr. A. v. Oppen-
heim). T.

KorrespMdeil).

Rom, im Juui 1876.

Ein Sensationsbild macht seit Kurzem ganz Rom
von sich reden; was ich Ihnen davon schreiben will,
sei nicht als ein Posaunenstoß angeseheu, sondern als
wahrheitsgetreuer Bericht über einen wirklichen, großen
Ersolg, den ein junger Pole errungen hat. Nachdem
man die liebe Mittelmäßigkeit herzlich satt bekommen
hat, wird man recht vom Grund des Herzens froh,
wenn endlich einmal wieder etwas Echtes und Großes
entsteht, ein Werk, welches der Kunst unserer Tage das
Schicksal ersparen helfen wird, daß sie nach den geist-
losen, akademischen Schablonen beurtheilt werde, deren
Größe mit dem Meter meßbar ist! Der junge Meister,
von dem ich sprechen will, ist Henri Semieradzki,
1843 in Kharkow geboren, ein Zögling der Pelers-
burger Akademie. Er machte sich an derselben durch
einen Kompositivnscyklus, iu Sepia ausgeführt, zuerst
bemerklich und gewann später den großen Stipendial-
Preis. Nach einjährigem Verweilen in München, wo-
selbst,er ein kleineres Bild malte, ging er nach Rom.
Nach Vollendung seiner von der Wiener Weltausstellung
her bekannten „Sünderin" unternahm der junge Künstler
ein großartiges Werk, welches nun vollendet ist und
Rom in Bewegung setzt.

Der Gegenstand des kolossalen Bildes ist das in
neuerer Zeit von verschiedenen Meistern behandelte
Thema: Nero. — Während Piloty ihn über die Trümmer
Roms schreiten läßt, Kaulbach ihn zum Mittelpunkt
eines Bacchanals macht und beide die Christenverfolgung
weniger scharf betonen, wählte'Semieradzki gerade den
Konslikt zwischen dem entarteten Römerthum und dem auf-
lebenden Christenthum zum Hauptmotive des Bildes.
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